„Sommernachtstraum” zum Bestellen: Interview mit Renata DePauli von Herrenausstatter.de und Choreograph Hans Henning Paar [VIDEO]

Hsin

Wenn wir schon mal ins Ballett gehen, dann muss es etwas mit Mode zu tun haben. So auch an diesem (noch kalten) Abend, als wir uns durch den Künstlereingang des Staatstheaters am Gärtnerplatz schlichen, vorbei an der Pförtnerin, die ein wachsames Auge auf ihren kleinen Röhrenfernseher geworfen hatte, auf dem Florian Silbereisen Schunkelmusik anmoderierte.

Weiter ging’s, schließlich waren wir nicht für das „Frühlingsfest der Volksmusik” hierher geeilt, sondern für eine ganz besondere Inszenierung des „Sommernachtstraums”. Bereits zum wiederholten Mal nämlich realisierte Renata DePauli, Gründerin von Herrenausstatter.de (laut „TextilWirtschaft” die „Beste Online-Plattform für Herrenmode 2011”) und fashionSisters.de, mit dem Ballett-Ensemble des Theaters, zu dessen Förderern die Unternehmerin gehört, einen Mode-trifft-Tanzkunst-Kurzfilm.

Die eigentliche Vorstellung des Stückes war gerade vorbei, als die Tänzerinnen und Tänzer erneut in die Umkleidekabinen hetzten, um in die vom Herrenausstatter.de/fashionSisters.de-Team gestylten Outfits zu schlüpfen. Joop!, Cinque, René Lezard, Laurèl, Levi’s – alles aus dem Sortiment der E-Commerce-Pionierin – und alles zum Bestellen. Die Kamera-Crew baute im jetzt leeren Zuschauerraum bereits ihr Equipment auf, Lichttest, Soundcheck, ein straffes Programm zu später Stunde.

Die Inszenierung des Shakespeare-Klassikers als modernes Tanztheater lässt sich vom Party-Glamour der 60er und 70er Jahre inspirieren und gewinnt ihren drive aus den Swing-Rhythmen von Miles Davis, Benny Goodman und Duke Ellington.

Ehe die Spezial-Kurzfassung vom „Sommernachtstraum” dann aufgezeichnet wurde, trafen wir Renata DePauli und Hans Henning Paar, den künstlerischen Leiter und Chefchoreograf des Staatstheaters am Gärtnerplatz zu einem Interview über Dresscode, Kunst und Kommerz – und die schlimmsten Modesünden der Männer.

Renata DePauli Herrenausstatter.de
Es wird gerade viel über Kreativität als Währung der Zukunft gesprochen. Welche Rolle können da eigentlich noch dress codes spielen? Sind das nicht Relikte aus der 9-to-5-Büro-Ära?

Renata DePauli: Es wird immer irgendeine Form von Dresscode geben. Es gibt ja auch einen Dresscode namens „schlampig herumrennen”. Ich bekomme einen regelrechten Schreck, wenn ich in manche junge Agentur komme. Oft sehen da alle gleich lässig aus, auch eine Art Uniform so wie die Anzüge in einer Bank, aber keiner merkt’s. Kleidung unterstreicht die eigene Ausstrahlung und das eigene Verhalten, die eigene Garderobe drückt einfach aus, wie ich mich in der Welt platzieren möchte. Sich dem eigenen Profil entsprechend darzustellen, das wird immer wichtig bleiben.

Sind Sie in Sachen Arbeits-Outfit in Ihrer Firma streng?

DePauli: Ja! Keine kurzen Hosen!!

Hans Henning Paar: Ich finde, es gab wohl noch nie zuvor eine solche Fülle an Möglichkeiten, auf Dresscode einzugehen und trotzdem seinem eigenen Stil treu zu bleiben. Die Auswahl ist heute einfach einfach riesig. Nehmen wir nur mal die Jeans. Was gab es da denn in den Achtzigern? Eine 501 von Levi’s und vielleicht noch eine Wrangler … Das war es doch fast schon. Auch die Passformen waren äußerst übersichtlich. Heute gleicht kaum eine Jeans mehr der anderen. Kein Problem also mehr, auch in strikteren Umfeldern als einem Theater individuell zu bleiben.

Hans Henning Paar
Warum sehen eigentlich noch immer viele Männer nicht, wenn eine Krawatte eben nicht zum Hemd oder Sakko passt?

DePauli: Empfinden Sie das so? Ich dachte schon, dass sich das gebessert hat. Früher habe ich vermutet, dass Männer eben ein viel größeres Selbstbewusstsein haben als Frauen und das es ihnen tatsächlich egal ist, wie sie aussehen. Weil: Sie sind ja der Mann.
Paar: Stimmt, manche Männer ziehen sich etwas an, damit sie nicht frieren. Aber es gibt auch extrem schlecht gekleidete Frauen. Im Vergleich zu früher sind Männer aber im Durchschnitt richtig picky geworden, wenn es um ihre Garderobe geht. Und in meinen Augen ist das Angebot da nicht recht hinterher gekommen. Beispiel Schuhe. 30 Regale für Frauen gegenüber gerade mal zweien mit Schuhen in meiner Größe. Das ist unfair. Aber ich finde die Jungs heute, die 16-, 17-jährigen, mit ihrer ganzen Streetwear, den Baggy-Skater-Hosen und so, die fahren noch viel mehr auf Marken ab, als Mädchen im gleichen Alter.

In welchem Outfit gefällt Ihnen ein Mann am besten, welcher Style sagt Ihnen persönlich zu?

DePauli: Wenn sich jemand typgerecht kleidet, Ob formell oder ganz casual, wenn’s passt, passt’s!

Kultur bedeutet Ihnen sehr viel, in Ihrer Freizeit singen Sie Mezzosopran und sind auch im Ballett aktiv. Haben Sie ein Lieblingsballett?

DePauli: Zunächst einmal sind das reine Hobbys auf Laienniveau. Ballett tanze ich seit ich drei Jahre alt bin, seither begleitet mich das Thema – und so ist auch der Kontakt zum Staatstheater am Gärtnerplatz entstanden. Die Zusammenarbeit und dieses Projekt liegt mir wirklich am Herzen, dass ist nicht bloß Kommerz! Unser beider Arbeit, hier der Tanz, da die Mode, diese Verknüpfung ist einfach schön. Mir gefällt vor allem modernes Ballett. Sicher, die Klassiker, aufgeführt wie eh und je, die kann man sich auch anschauen, die faszinieren mich aber nicht so arg. Den „Sommernachtstraum”, so wie ihn Hans Henning Paar inszeniert hat, den mag ich beispielsweise sehr!

Ihr Metier ist Modeverkauf über das Internet. Was kann denn eine Boutique was das Web nicht vermag?

DePauli: Eine Boutique so wie man das früher verstanden hat, gut geführt, wo man reinkommt und jemand einen berät, gleich das richtige raussucht – diesen persönlichen Kontakt kann das Netz allenfalls simulieren. Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied.

Paar: Außer es wird einem einfach etwas angedreht, ob’s einem steht oder nicht …

Lesen Sie Modeblogs?

DePauli: Höchstens quer, meist fehlt mir einfach die Zeit. Dabei interessiert mich das Thema schon, wir experimentieren ja auch mit einem Blog auf Herrenausstatter.de, unserem „Modetagebuch”.

Sind Sie als Gründerin eines Online-Shops ein Technik nerd oder gar gadget-verrückt?
DePauli: Nein, vielleicht kein nerd, aber ich halte mich ständig auf dem Laufenden, was bei der wahnsinnigen Flut an Neuerungen eine ganz schöne Herausforderung ist.
Paar: Bestellen eigentlich viele Frauen für ihre Männer Mode?
DePauli: Etwa zehn Prozent unserer Kunden sind Frauen, die in ihrem Namen für den Mann einkaufen, weitere zehn Prozent kaufen mit der Kreditkarte des Gatten ein. Für ihn.
Paar: Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Mutter immer mit meinem Vater einkaufen ging und ihn gesagt hat, was er nehmen soll.
DePauli: Im Vergleich zu früher hat sich der Mann da definitiv emanzipiert.

Kunst und Kommerz und ihre Berührungspunkte. Wie sehen Sie beide in diesem Kontext Ihre Zusammenarbeit?

DePauli: Motivation für unser gemeinsames Projekt war ja eher die Lust am Theater. Wir kannten uns schon länger und da hat es sich einfach so ergeben. JA, es entsteht ein Video, das wir dann auch auf unserer Seite zeigen werden. Aber der Prozess ist der größte Spaß daran.

Die Tänzer tragen ja auch Gott sei dank keine Poloshirts mit Aufdruck …

Paar: Grundsätzlich passt alles, was dazu führt, dass unsere Arbeit unterstützt wird. Wir sind zwar ein staatlicher Betrieb, aber wir kommen natürlich normalerweise nicht mit unseren Geldern aus. Da freut man sich über eine solche win-win-Situation. Wir haben vor drei Jahren das erste Mal etwas gemeinsam realisiert. Damals war es zunächst ein Foto-Shooting mit unseren Tänzern. Und die sind mit ihrer Körperlichkeit und ihrem Witz einfach ziemlich gute Models. In 2010 haben wir bereits Clips gedreht, an verschiedenen Orten des Theaters. Kurze choreographierte Sequenzen waren das, umgesetzt hier im Haus – und gleichzeitig haben wir Mode einer Saison präsentiert. Dieses Mal gehen wir einen großen Schritt weiter und filmen Teile einer Inszenierung in Outfits der beiden Shops. Ich finde es heutzutage einfach modern, solche Cross-Over-Projekte zu wagen. Mit sich verkaufen hat das überhaupt nichts zu tun, denn wir arbeiten mit unserer eigenen kreativen Sprache.

Herr Paar, wo kaufen Sie denn ein und was begeistert Sie an Mode?
Paar: Die Mode, die mir gefällt kann ich mir meist nicht leisten, da würden schon einzelne Teile in die Tausende gehen. Das sind schon eher große Namen und Marken. Besonders die Haute Couture, wenn Mode mit Körpern Bilder erschafft und damit die Vision eines Designers umsetzen. Mode hat mich schon als kleines Kind interessiert. Mit acht Jahren habe ich eine Hobby-Nähmaschine geschenkt bekommen und dann aus Putzlumpen irgendwelche „Klamotten” gebastelt – und auch getragen.

Haben Sie beide Lieblinsgdesigner?
Paar: Issey Miyake, überhaupt Designer aus Asien mit ihren meist so herrlich klaren Linien. Insbesondere in der Männermode. Manchmal findet man diesen Stil auch bei Lagerfeld. Die Jeans-Mode von Gaultier gefällt mir und natürlich der theatrale Stil von Vivienne Westwood bei den Damen.

DePauli: Oh je, bei mir sind es eher bestimmte Geschichten der Modehistorie, die mich faszinieren, allen voran Coco Chanel, eine Frau, die sich durchgesetzt hat. Mich begeistert einfach die Inszenierung von Mode, Laufstegshows sehe ich unheimlich gern, wie beispielsweise auf der Fashion Week in Berlin.

Was war dort zuletzt Ihr persönliches Highlight?

DePauli: Die Laurèl-Modenschau hat mir als Zuschauerin richtig Spaß gemacht, weil eine Live-Band für die Musik-Untermalung gesorgt hat.

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