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11/04/2011 Matthias Hinz
Als wir vor knapp einem Jahr nach München kamen, hatten wir von dem jungen Avantgarde-Label Schaaf noch nie gehört. Bis zu dem Pressetag, an dem uns Designerin Miriam Schaaf mit ihrer außergewöhnlichen Kollektion begegnete – und begeisterte. Mittlerweile sind wir Fans ihrer androgynen Männermode in Schwarz und Weiß. Nachdem sie mich dann im letzten Jahr für unseren Jury-Auftritt beim DaWanda Fashion Tale eingekleidet hatte, wurde es wirklich Zeit, die Designerin unseren Lesern einmal genauer vorzustellen. In ihrem Atelier und Showroom in der Landsberger Straße in München traf ich Miriam Schaaf also zum Video-Interview.
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Miriam, du bist eine der wenigen Designerinnen, die ausschließlich Männermode entwirft. Warum?
Das ist während meiner Ausbildung so gekommen. Von Männersachen kann man sich als weiblicher Designer am ehesten distanzieren. Ich fand es angenehm, dass ich mir nicht selber ständig die Frage stellen muss, ob ICH das jetzt anziehen würde oder nicht. So ist da nur jemand in meinem Kopf, der meine Entwürfe anzieht und den ich darin vor mir sehe. Das hilft wahnsinnig beim Entwerfen.
Viele männliche Designer, die ausschließlich für Frauen entwerfen, müssen sich von Zeit zu Zeit den Vorwurf gefallen lassen, die Frau, für die sie Mode machen, existiere in Wirklichkeit gar nicht. Du arbeitest für deine Männerkollektion mit sehr schmalen Schnitten, Leggings, transparenten Stoffen und Schleifen. Wie realistisch ist dein Männerbild?
Mein Männerbild ist alles andere als eindeutig. Ich habe gar nicht vor, einen 100-prozentig maskulinen Kerl einzukleiden. Meine Mode ist für jemanden, der ein wenig androgyn ist, ein Hybrid-Wesen, dem die Frage „Mann oder Frau?” nichts bedeutet. Ich würde Schaaf überhaupt nicht als reine Männermode bezeichnen. Ich habe auch Kundinnen, die meine Teile anziehen wollen – und das sieht meist auch sehr gut aus.
Dein Label steht seit seiner Gründung für anspruchsvolles Design. Wie avantgardistisch darf eine Kollektion sein, um sich trotzdem zu verkaufen?
Da stellt sich als allererstes die Frage, was man mit seiner Kollektion erreichen will. Möchte man eine Verkaufskollektion präsentieren oder will man erst mal eine message rüberbringen und den Leuten vor den Latz knallen, was man in der Zukunft noch alles vorhat? Was ich bisher gemacht habe, war zum Teil absolut tragbar, zum Teil überhaupt nicht. Mir war wichtig, dass in jeder Kollektion beides vorhanden ist. Es wird aber nach und nach alles wesentlich tragbarer werden. Ich werde nur noch ein paar Stücke entwerfen, die das Thema der Kollektion transportieren und die eigentlich nur als Kunstwerk existieren.
Ein ähnliches Umdenken passiert gerade auch bei deinem Designerkollegen Patrick Mohr, der uns kürzlich im Video-Interview verriet, dass sein Weg über Tabubruch und Provokation bis hin zum Annähern an den Mainstream komplett so geplant gewesen sei. Ist das bei dir auch der Fall?
Nein. Ich habe gerade einen Online-Shop eröffnet, der jetzt mein Hauptvertriebsweg ist, und der gibt mir gewisse Grenzen vor. Ich muss mir überlegen „Kann ich das produzieren oder ist das eher der totale Wahnsinn?” Wenn jemand das bestellt, sitze ich dann nicht 15 Stunden an der Fertigung und so weiter. Da stehen dann ganz praktische Überlegungen hinter dem Design.
Deinen Online-Shop hast du Anfang des Jahres eröffnet. Wie läuft er bisher?
Der läuft sehr gut. Ich verkaufe zwar zur Zeit hauptsächlich die „I really don’t know“-Shirts – die sind ein richtiger Selbstläufer geworden. Die Leute interessieren sich aber durchaus auch für meine anderen Sachen.
Kann man sagen, im Net-a-Porter-Zeitalter geht es für junge Designer nicht mehr ohne Online-Shop?
Ja, der ist ein absolutes Muss. Man sollte schon schauen, wofür die Leute sich interessieren, und mit einer Kauf-Plattform im Web vertreten sein. Gerade wenn man noch eine kleine Zielgruppe hat.
Was sind für dich als Designerin die Vorteile eines Online-Shops im Gegensatz zum klassischen Vertriebsmodell über den stationären Einzelhandel?
Ich mag es einfach sehr, mit den Kunden in Kontakt zu treten. Ob es nun um Maße, Farben oder Größen geht. Für mich ist es interessant zu sehen, wer da etwas bei mir bestellt.
Du hast für deine Kollektionen schon viele Kurzfilme gedreht, „You are a woman I’m a machine“ beispielsweise, und „Death to Mobby Dick“. Große Häuser wie Dior Homme und Miu Miu setzen auch vermehrt darauf. Sind Kurzfilme die Zukunft der Modenschau?
Ich glaube nicht, dass ein Kurzfilm eine Modenschau ersetzen kann. Das ist genau wie mit Theater und Film. Theater ist unmittelbar, passiert live vor den Augen der Zuschauer und besitzt dadurch eine ganz andere Energie. Kurzfilme sind aber definitiv ein guter Weg, Botschaften rüberzubringen. Der Designer hat die Möglichkeit, Bilder zu zeigen, die er beim Entwerfen der Kollektion im Kopf hatte.
Was kann man in einem Film zeigen, was bei der klassischen Modenschau nicht geht?
Emotionen. Auch wenn ein Laufstegmodel mal einen schlechten Tag hat, es läuft trotzdem geradeaus, die Körpersprache ist sehr stark eingeschränkt. Da ist man bei einem Film viel freier.
Bist du auch privat ein großer Kinofan? Hast du – ganz spontan – drei absolute Lieblingsfilme?
Mein all time Lieblingsfilm ist „Blade Runner“. Dann bin ich natürlich eine großer Fan von „Frühstück bei Tiffany“. Und als große Verehrerin von Tim Burton gehören definitiv seine „Batman„-Filme dazu.
Der Sommer steht so langsam in den Startlöchern. Was sind deine modischen Dos und Don’ts für Männer?
Ich entwerfe zwar selber kurze Hosen, bin aber der Meinung, dass ein Mann wirklich gute Beine haben muss, um sie tragen zu können. Bloß nicht zu behaart. Klar, der Klassiker: keine Socken in Sandalen! Mein Do sind Lagenlooks. Ich finde es cool, wenn Männer nicht einfach nur kurze Hose und T-Shirt tragen, sondern sich auch was einfallen lassen, um Schichten aufzubauen. Zum Beispiel unter die Hose noch eine Leggings ziehen. Das finde ich viel spannender.
Du bist gerade von einer Recherchereise aus Mexiko zurückgekommen. Welche Ideen hast du mitgebracht?
Was mich an dem Land so fasziniert ist die komplett andere Mentalität der Menschen, vor allem ihr Totenkult. Völlig anders als Begräbnisse bei uns, nämlich ausgesprochen fröhlich. Meine Inspiration für die neue Kollektion habe ich von dort allerdings nicht mitgebracht, die hat mich ganz woanders „erwischt”.
Nämlich?
Ich war neulich auf einem Konzert – und dort herrschte eine ganz seltsame Stimmung. Es ging ziemlich wild zu, die Leute standen kurz vor einer Schlägerei. Dieser Moment, wo das Testosteron überschwappt und Gewalt entsteht, dieser Kipp-Punkt, der interessiert mich. Und aus dieser Erfahrung werde ich in jedem Fall etwas machen. Ich kann aber noch nicht sagen, wie das später modisch aussieht. Das weiß ich vorher nie.
Zu guter Letzt: Wie sehen deine privaten Pläne für dieses Jahr aus?
Ich werde auf jeden Fall im Sommer einige Festivals besuchen. Da freue ich mich sehr darauf, weil mir das immer so viel Energie gibt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Der Online-Store von Schaaf eröffnete im Januar seine virtuellen Pforten. Seitdem wird in der Kategorie „Item of the Month“ monatlich ein exklusives Design-Stück vorgestellt. Nach Ablauf einer Zeitspanne von sechs Monaten ergeben diese Teile eine kleine zusammenhängende Kollektion. Item im April ist die Festivaltasche „Whatever“, deren Entstehungsprozess Sie in unserer Galerie verfolgen können. Die fertige Umhängetasche kostet 79 Euro und ist hier erhältlich.
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