Echte Kerle tragen „Deutschleder” und Leinen: Interview mit Designer Hannes Roether

von Nahtlos!, 2 September, 2012


Und hier wie immer unser Service für alle Hörer, die unser Gespräch mit dem Designer Hannes Roether noch einmal in voller Länge, unredigiert (!) nachlesen und ein paar mehr Bilder sehen wollen. Die Audio-Version des Nahtlos! Talks findet ihr hier. Und wer sich für Roethers kulinarische Ansichten interessiert, der wird hier fündig.

Hannes Roether: Ja, was ist München? Das hat natürlich was sehr poshes irgendwie, dann gibt es diese zig Vorurteile. Und als ich dann nach München kam, ja, ich habe nur kurz gebraucht und habe einfach meine Ecken so dermaßen gefunden. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich meine, da wo ich das Atelier habe, das ist eine ehemalige Couvertfabrik, die ist in Pasing. Das sind 700 m² Fläche, das ist so einer alter Industriebau. Wir haben 5 Meter hohe Decken. Das ist einfach ein Traum. Ich hätte nie gedacht, dass es so was in München gibt. Erstens, dass es so was gibt und zweitens, dass ich so was kriege – schon gar nicht! Und dann, also ich kam vor sechs Jahren aus Freiburg hierher und habe in der Zwischenzeit auch in den Straßen, die mir am liebsten sind, Läden gefunden, die ich betreibe. Klar, das Gärtnerplatzviertel ist natürlich ein Traum, die Reichenbachstraße war mir immer meine liebste Straße. Und da bin ich richtig angekommen, mit den Männern, mit den Frauen da. Und das nächste war auch die Türkenstraße, die ja auch so eine Tradition hat, die nicht ganz einfach ist, die aber immer – also sie hat einfach eine schöne Bekanntheit und ist einfach mit schönen Dingen auch belegt. Und da haben wir es ja geschafft, diesen ehemaligen Blumenladen zu übernehmen. Und ich hätte mir das nie träumen lassen, so was hier in München zustande zu kriegen, weil ich eben so eine ganz andere Vorstellung von München hatte. Also ich kann nur sagen, München hat mich willkommen geheißen und ich fühle mich hier sauwohl.

Das ging uns Exil-Hamburgern ganz ähnlich. Auch für uns war an den Klischees und Warnungen, die wir vorher hörten am Schluss und vor Ort wenig dran. Wir fühlen uns richtig wohl hier. So, los geht’s. Wir sitzen bei den Nahtlos Talks, der 3. Ausgabe jetzt im Westin Grand, die uns netterweise wieder beherbergen in der Executive Lounge im 23. Stock. Ist ein bisschen diesig über München. Aber nichtsdestotrotz reicht der Blick ganz weit. Wir sitzen mit Hannes Roether. Und ich muss sagen, du bist fast eine Art – für mich in der Recherche, in der Vorbereitung des Interviews – fast so ein kleines Phantom geblieben. Das fängt schon damit an, dass es eigentlich kein Bild von dir gibt. Weder auf der Website, noch im Netzt. Man muss zumindest sehr, sehr lange wühlen. Das interessiert mich natürlich als erstes. Warum machst du dich visuell so rar?

Bei mir geht es ja vor allem um meine Arbeit und es geht nicht um mich. Und wer mich kennenlernen möchte, der geht am besten einfach in meine Läden und da sieht er mich. Also da sieht er viel, viel mehr von mir, als er sieht, wenn er mich sieht. Weil ich mich dort einfach, vielleicht kann man das so ausdrücken, ich habe da auch mein Innerstes nach außen gekehrt und ich habe dort Orte geschaffen, die für mich einfach stimmig sind. Die einladen zum Kennenlernen dessen was ich mache. Und weil ich eben diese Plätze habe, kann ich mich komplett zurücknehmen. Das ist für mich auch sehr angenehm.

Wie würdest du denn – jetzt haben wir ja im Moment Hörer beim Podcast – wie würdest du dich denn beschreiben jemanden, der dich nicht kennt und der auch kein Bild von dir findet zum Beispiel auf eurer Website? Kurz und knapp, wie kann sich jemand, der jetzt zuhört, Hannes Roether vorstellen?

Ja, wie so ein paar andere Designer eben auch, habe ich doch öfters was Schwarzes an. Das ist aber eher eine, ja, das ist einfach eine Bequemlichkeit. Und ich bin, auch wenn man das vielleicht nicht erwartet, bin ich sehr naturverbunden. Ich tanke auf im Grünen. Wenn ich nicht ins Grüne rauskomme, dann ist es nicht gut für mich. Ist auch nicht gut für meine Arbeit. Und ja, was gibt es sonst über mich zu sagen? Schwierig sich selber zu beschreiben.

Dann interessiert mich natürlich noch, du hast jetzt eben gesagt, es finden sich Facetten von dir in den Läden. Vielleicht nutzen wir diese Bande, so wie beim Billard. Was sind das für Facetten, die du in deine sehr besonderen – ich benutze jetzt mal so ein altes Wort wie “Boutiquen” – hast einfließen lassen? Also was kann man da entdecken? Welche Mosaiksteinchen des Designers Hannes Roether kann man dort finden?

Ich lege einfach einen Wert auf Qualität. Und ich finde eben extrem viel Qualität in alten Dingen. Ich habe jetzt zum Beispiel als neues Element in den Läden 100 Jahre alte Klaviere umgebaut zu Tresen. Einfach aus dem Gedanken heraus, das sind Dinge die sind so schön, die sind so perfekt, und irgendwann sind sie verstimmt und sie sind nichts mehr Wert und sie stehen nur noch im Weg rum. Das ist doch traurig. Und in dem Moment, wo ich es einfach schaffe, so einer schönen Sache, die aber eigentlich inzwischen wertlos geworden ist, trotz dem was da alles an Geschick drin steckt, wenn ich es schaffe, diesem Teil nochmal ein zweites Leben zu geben in Form von einem Kassentresen, dann ist das einfach etwas, was für mich schön zusammenpasst. Wir haben das verbreitert, hinten ist ein Kassensystem drin, oben ist eine Vitrine für Schmuck drin. Und mit einer kleinen Veränderung schaffe ich es einfach zwei Dinge zusammen zu kriegen. Das ist für mich schön.

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Findet man auch Objekte von Hobbies und persönlichen Interessen von dir in den Läden? Oder ist das mehr nach Ästhetik wie du aussuchst?

Ja, es gibt mal eine Deko mit irgendwelchen geschnitzten Holzmännchen.

Die du auch selber sammelst?

Also wenn ich tatsächlich Zeit habe und draußen sitze, dann schnitze ich einfach ein paar Männchen und dann kann man damit natürlich irgendwann eine Deko machen oder so. Oder es sind halt einfach Ideen, die ich zusammen sammle, mit denen ich es schaffe diesen Raum mit ganz einfachen Mitteln angenehm und auch zweckmäßig zu gestalten.

Und wenn du jetzt nochmal beschreiben solltest – also typische, wahrscheinlich doofe Frage, ich finde sie trotzdem nicht ganz uninteressant – was deine Mode von dir ausdrückt? Also deine Auffassung von Stil und der Garderobe, die man dafür braucht, wie könntest du die umreißen?

Also ich kriege immer wieder ein Feedback auch von Männern, das ist erstaunlich, dass die, wenn sie in einer Klamotte stecken, zu Kerlen werden. Also das heißt, sie werden von ihren Partnern als Kerle wahrgenommen. Das heißt, das kehrt irgendwie das Männliche nach außen, ohne das irgendwie schreiend oder plakativ zu tun. Das heißt, das läuft natürlich auch über die Stoffe, die ich einsetze. Die kommen oftmals aus einer Arbeiterästhetik. Dann geht es aber auch beim Strick darum, ich sage mal alles Unnötige wegzulassen und dadurch kann sich der Träger gar nicht mehr so verstecken hinter etwas, sondern der dringt nach draußen. Und mit dem Nach-Draußen-Dringen kommt noch eine extrem männliche Komponente dazu. Und das ist erstaunlich, einfach dieses Feedback zu bekommen. Sowohl Frauen, die dann für ihre Männer vorbeischauen und einfach sagen: “Ich möchte, dass der Kerl die Sachen trägt. Ich möchte den so sehen.” Das hätte ich mir am Anfang nicht träumen lassen. Ich habe angefangen diese Kollektion zu machen, weil ich eben selber nichts für mich selber gefunden habe. Und aus der Not heraus einfach gesagt habe: “Das gefällt mir! Das mache ich! Das ist für mich.” Und irgendwann habe ich gemerkt: “Huch, das gefällt ja nicht nur mir, das gefällt ja auch anderen.” Und das dann eben auch zu beobachten und weiterzuentwickeln und zu sehen, was ergibt sich Schritt für Schritt eben dann auch mal für ein Feedback. Und das eben auch über die Möglichkeit von eigenem Leben in einer konzentrierten Form zu zeigen und dort einfach auch eine, ja, so etwas wie eine Bühne, ist erst mal ein blödes Wort, aber einfach einen Platz zu schaffen, wo das eben in dieser reinen Form auch angetroffen werden kann.

Und jetzt hast du gesagt, die Männer nehmen quasi so ein Kerligkeits-Upgrade mit, wenn sie deine Mode kaufen. Wie ist das bei Frauen? Was zieht die an?

Bei Frauen ist es so, dass ich – ich spreche ja nicht von Mode, sondern ich spreche immer von Klamotte – wenn ich mir das anschaue, was es an – ja, jetzt muss ich das Wort doch sagen – Was es an Mode am Markt gibt, dann ist es auch immer sehr, sehr vordergründig. Das ist sexy, das ist das, das ist das, das ist das. Und was ich mit meiner Frauen-Klamotte anbiete, das ist eine Sinnlichkeit, und die natürlich auch über die jeweilige Trägerin nach außen transportiert werden muss. Das heißt es ist eben keine vordergründige Sexiness. Aber es ist etwas, was eben die Trägerin, ja, ausfüllt.

Quasi, das bestärkt, was schon in ihr steckt.

Ja. Es sind zwei Dinge, die da zusammenkommen und dadurch hat eine Frau einfach eine ganz eigene Möglichkeit eine Sinnlichkeit auszustrahlen.

Wenn du sagst, der Mann fühlt sich – es ist ja ein Kundenfeedback – fühlt sich “kerliger” durch deine Klamotte, was ist denn das für ein Männerbild? Weil das Männerbild ist ja ein Riesenproblem oder ein gemachtes Problem oder wie auch immer. Also man kriegt ja wirklich seit, vielleicht schon fast 10 Jahre, in denen uns immer wieder erzählt wird: “Der Mann weiß nicht mehr wer er ist und die Frau weiß dann auch nicht mehr, wie ihr Mann ist.” Das geht ja wie in Wellen. Immer wieder wird und das erzählt. Und dann kommt der Metrosexuelle und dann ist er wieder weg und so weiter. Und wenn du jetzt sagst, es steckt viel Männlichkeit in deiner Mode und ein Mann fühlt sich eher als Kerl. Ist das dieses archaische John-Wayne-Kerlige oder wie würdest du das definieren? Wie würdest du den Hannes Roether Mann mal so querbeet definieren? Wie ist deine Definition von Männlichkeit?

Vielleicht ist das einfach – also ich muss vielleicht vorab stellen – viele meiner Kunden oder die Männer, die das eben einfach auch gerne mögen, haben natürlich auch in einer erweiterten Form mit Kreativität zu tun und haben per se schon mal die Möglichkeit ein bisschen freier an Klamotte ranzugehen. Und wenn man sich dann aber anschaut was es gibt, dann bietet diese Freiheit ja gar niemand. Das ist ja das Widersinnige. Das heißt, es gibt einfach bei Männern immer so Anlass bezogene Dinge. Es gibt die Anzüge für Business, es gibt die Cargo Hose für Freizeit. Wenn du einen Schrank aufstellst, dann musst du so eine Hose anhaben. Und um jung auszusehen hast du irgendwie ein T-Shirt mit einem Print an mit wilden Schriftzügen. Und ja, gut, ich würde einfach mal sagen, 80 Prozent der Männer kümmern sich um Klamotte nicht. Und dann kriegen sie aber diese Angebote: das ist für Business, das ist Schrank aufstelle und das ist für jung aussehen. Und die gehen da komplett verloren. Die gehen komplett verloren.

Die haben dann einen Baukasten, aber keinen roten Faden letztlich.

Und das was ich einfach mit meiner Männer-Klamotte anbiete, ist etwas damit – damit quäle ich mich vielleicht manchmal auch noch aus dem Bett raus und springe dann in eine Hose und in ein Sakko rein. Kann damit sowohl zu einem Banktermin gehen, gehe damit aber genauso abends auch noch irgendwie um die Häuser ziehen und steige zwischendurch auch noch in der Mittagspause auf einen Baum hoch. Das ist alles in dieser Klamotte enthalten, das kann die alles leisten. Und die sieht niemals overdressed aus und aber auch nie underdressed. Also ich biete einfach etwas, das jetzt nicht nur dafür oder nur dafür oder nur dafür ist.

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Also eher eine Klamotte fürs Leben, als für singuläre Aufgaben sozusagen.

Ja. Und einfach auch nochmal so ein Feedback ist, dass Männer, wenn sie dann darauf treffen, dass sie einfach sagen: “Gosh! … Ja, wie unglaublich. Das habe ich die ganze Zeit gesucht! Und jetzt sehe ich es hier oder jetzt wird mir erst bewusst, dass ich so etwas die ganze Zeit vermisst habe.” Oder auch, dass Männer, die beruflich einfach wissen wer sie sind, von ihrer persönlichen Entwicklung genau wissen, wo sie stehen, aber Klamotten-technisch diesem Entwicklungsstand komplett hinterherhinken, und dann treffen sie auf meine Sachen und sagen: “Okay, jetzt bin ich fertig.”

Höre ich da richtig raus, dass deine Kunden eigentlich diese Problematik “Wann ist ein Mann ein Mann?”, die einem wirklich Frauen-, wie Männermagazine immer wieder gebetsmühlenartig in Erinnerung rufen, dass die das Problem nicht haben? Dass du da an einer speziellen Peer-Group bist, die sich da ganz gut ausbalanciert hat. Oder würdest du sagen, das Problem ist sowieso ein herbeigeredeter Hype um Seiten und Sendezeit zu füllen?

Ja. (lachen) Schon auch. Gleichzeitig denke ich einfach, die Jungs, die das dann auch erkennen, die haben sowieso nicht diese großen Findungsschwierigkeiten. Das geht schon auch einher.

Jetzt würde mich natürlich sehr interessieren, wie deine Reise bis heute mal losging? Also sprich, ein klein bisschen wie du aufgewachsen bist in Freiburg? Aus welchem Hintergrund du kommst? Kommst du schon aus einem kreativen Elternhaus? Wie ging es mit Klein-Hannes damals los?

Okay, Klein-Hannes der hat erst mal eine ganze Menge Geschwister. Das ist super.

Wie viele?

Ich habe drei Brüder und eine Schwester. Und mein Vater war Forstdirektor.

Daher wahrscheinlich schon die Naturliebe auch so ein bisschen.

Ja. Und gleichzeitig natürlich auch was ganz anderes als das was ich heute mache. Ja, jetzt bin ich einen komplett anderen Weg gegangen. Und dieser Weg, den ich jetzt gegangen bin oder das Ergebnis dessen, könnte ja auch einfach sein, dass ich sage: “Mhm, Kleidung ja, okay. So billig wie möglich und so viel Profit wie möglich.” Und dann wäre es für mich aber einfach ein Scheitern meiner Reise, weil ich habe etwas anderes gemacht als wie mein Vater. Und klar, hätte ich mich natürlich auch in dem Umfeld, in dem mein Vater beschäftigt war, wohl gefühlt, weil es einfach auch ein Teil von mir ist. Gleichzeitig habe ich mich für etwas anderes entschieden und muss das für mich auch in gewisser Weise rechtfertigen. Das heißt, wenn ich etwas anders mache, dann möchte ich aber auch das, was ich da anders mache komplett anders machen. Und das heißt, das ist für mich auch der Anspruch, die Dinge, die ich entwickle, die sollen mir gefallen, die sollen mich auch selber begeistern können. Das heißt, wenn ich einen Pullover entwickle und den baue ich zusammen aus verschiedenen Schläuchen, dann ist es für mich ein anderer Ansatz als zu sagen: “Ein Pullover hat ein Vorderteil, ein Rückteil und zwei Arme, hat vielleicht noch einen Kragen.” Also es soll mich auch irgendwo vor eine Aufgabe stellen, die ich jedes Mal wieder auf’s Neue löse und wo ich dann auch irgendwo über den Lösungsweg nachher begeistert bin. Und das transportiert über die Messen natürlich dann auch nochmal das Feedback, was ich von meinen Kunden bekomme.

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Wie ging es weiter? Also dein Vater hat dann was genau gemacht? Was macht ein Forstdirektor?

Na ja, der kümmert sich um den Wald, kümmert sich auch um die Tiere. Hat dann irgendwann natürlich auch in einer gewissen Position Leute, die er dafür delegiert. Das ist letzten Endes eine Beamtenlaufbahn.

Also was muss abgeholzt werden, wo muss aufgeforstet werden.

Genau. Welcher Baum bleibt? Wie dieses Bewirtschaften des Waldes.

Habt ihr auch am Waldrand gelebt?

Wir waren natürlich viel im Wald. Ich sage mal als Försterkind bist du natürlich auch viel beim Jagen, solche Dinge. Schöne Sachen. Ich habe mich aber irgendwann dafür entschieden was anderes in meiner Ausbildung zu machen. Das hatte auch schon ein – das war auch ein Schlüsselerlebnis – über meine Oma, die mir irgendwann mal eine Nähmaschine geschenkt hat, weil sie mich halt irgendwie als Bester beim Socken stopfen erlebt hat. Und dann dachte sie, vielleicht ist das was für ihn. Und ich habe dann angefangen über ein Lineal und Stoff und irgendeine Hose, die ich als Vorlage genommen habe, Dinge nachzuentwickeln oder selber zu schneidern.

Wie alt warst du da?

Das war ich 14, 15. Und als Ergebnis kamen dann Dinge bei raus, die ich gerne getragen habe und die halt auch ein gewisses Feedback bei meinem Umfeld ausgelöst haben, so dass ich dann irgendwann auch für andere solche Sachen gemacht habe.

Wie wird man da – also ich meine, in der Pubertät, das ist ja gar nicht so einfach, wenn man so etwas – oder in den Augen anderer – “Seltsames” macht? Hast du da viel Toleranz erlebt oder ist man da automatisch als Junge oder junger Mann hinter der Nähmaschine ein Sonderling?

Ich habe mich nie als Sonderling empfunden. Ich habe auch nie….

Reicht aber auch, wenn andere das tun. Das meine ich.

Aber ich habe nie danach gefragt. Oder wenn mich jemand als Sonderling aufgefasst hätte, hätte mich es einfach mal gerade nicht interessiert.

Das ist aber ein starkes Rückgrat.

Weil ich das Ganze ja auch für mich selber mache. Und da habe ich gar keine Frage dazu gehabt.

Okay. Also es gab keine Schwierigkeiten oder Hänseleien in der Schule oder auf dem Gymnasium.

Es gab eher irgendwie so…

“Kannst du mir mal was…”, okay.

Ja.

Das heißt, du hast dann irgendwann die ganze Klasse eingekleidet? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Nein. Es war dann schon einfach, ich meine das ist ja auch, ich bin jetzt keine Nähkanone oder so. Aber es ist ja dann auch eine ganze Menge Arbeit so eine Hose zu nähen. Aber mir ging es da vor allen Dingen auch um ein bestimmtes Feedback. Ich habe dann komischerweise kein Design studiert – was heißt “komisch”, aber das wäre mir vielleicht auch einfach zu platt gewesen. Das heißt, “Design – Was ist das?”. Da lernst du eine Kollektion zu zeichnen, die dann irgendwie umzusetzen und dann gibt es irgendwelche Wege, die du beschreitest um Designer zu werden. Mich hat mehr die Technik interessiert.

Das heißt, nach dem Abitur hat es dich wohin gezogen?

Ich bin von meiner Ausbildung her Diplomingenieur für Maschenkonfektionstechnik.

Für Maschenkonfektionstechnik. Das hört sich nach Strick nach.

Es ist Strick. Und letzten Endes weiß ich einfach wie eine Strickmaschine funktioniert. Ich weiß, wo ihre Grenzen sitzen, und das ist das spannende. Zu wissen “wo sitzt die Grenze” heißt, dass man zumindest bis an die Grenze gehen sollte. Und eine Maschine nicht zu kennen heißt, dann bin ich irgendwie komplett führungslos – ohne Grenze, keine Führung sein. Und ich finde es immer so, ja, schön dann einfach auch da die Grenze vielleicht noch einmal zu verschieben und dadurch auch aus so einer Strickmaschine Dinge rauszukriegen, die vielleicht erst auf den zweiten Blick oder erst beim Tragen zeigen: Was ist daran anders? Oder was ist daran vielleicht auch besser?

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In der Ausbildung macht man ja wahrscheinlich – es ist ja auch eine Zeit des Ausprobierens – macht man wahrscheinlich auch verrückte Sachen, um eben Grenzen auszutesten oder sich auch stilistisch ein bisschen auszutoben. Kannst du dich noch an irgendwas Verrücktes oder Außergewöhnliches, was du hast eine Maschine stricken lassen oder so, erinnern?

Wir haben irgendwann Norweger Pullover – ja, das sind Norweger Muster, daraus haben wir dann einen Pullover gemacht und haben da die verschiedensten Garne zusammen – von den Strickern, die dort in der Gegend waren – haben wir diese Garne zusammen gesammelt und haben die verschiedenen Farben in verschiedenen Garnen gestrickt. Haben das dann nachher in die Waschmaschine geschmissen, und dann ist es natürlich zusammengeweigt, aber die Garne, die aus verschiedenen Materialien bestanden, sind dann auch verschieden zusammengeschrumpft. Das heißt, wir haben so richtige Reliefs bekommen. Das war toll.

Was waren das für Garne?

B2: Das waren Wolle oder Wolle mit Leinen. Und klar, jeder kennt das, jeder hat schon mal so einen Pullover aus der Waschmaschine gezogen und hat sich gesagt: “Mann, der hat da jetzt nicht reingehört.” Und das ist ja einfach auch ein Effekt, wie man so etwas verändern kann, das kann man ja auch ganz bewusst einsetzen. Und das waren einfach schöne Ergebnisse.

Gut, dann warst du – du musst es nochmal selber sagen, ich habe es mir nicht so schnell gemerkt. Was war dein Diplomabschluss?

Ich bin Diplomingenieur für Maschinenkonfektionstechnik.

Dann warst du das, hast dein Diplom in der Tasche gehabt, wie ging es dann weiter?

Ich habe meine Diplomarbeit in einer Firma in Freiburg anfangen können, die eben ihre eigenen Maschinen im Keller stehen hatten. Und das ist natürlich ein Arbeiten – das ist ein Traum. Weil du zeichnest etwas, gehst mit der Zeichnung zum Entwickler, sprichst das durch und am nächsten Tag, wenn alles gut geht, hast du dieses Teil da auf der Stange.

War es eine Firma, die man kennt?

Das ist eine Firma, die es inzwischen nicht mehr gibt. Die eben früher im Strickbereich wegweisend war. Und dort habe ich meine ersten Lorbeeren geerntet. Habe dann durch Zufall irgendwann auch das Mandat bekommen, mich mit ins Design einzuklinken und dann schon mit den ersten Teilen, die ich da gemacht habe, wieder ein Feedback bekommen, was mich und auch andere dazu ermutigt hat mich weitermachen zu lassen. Und das wurde dann auch extrem gefördert.

Das war dann eine Marke oder ein Zulieferer?

Das war eine deutsche Marke. Und bei dieser Marke habe ich dann irgendwann auch angefangen, das war ein reines DOB (Damenoberbekleidung) Unternehmen, dass ich dann auch eigenständige Männerteile entwickelt habe. Das war ein Kapitel, das ging neun Jahre, irgendwann war das zu Ende. Und dann habe ich angefangen für verschiedenste Marken zu arbeiten als freier Designer. Was mir auch einen großen Spaß gemacht hat, einfach um auch zu sehen, wie arbeitet wer? Also im Idealfall hast du bei einer Marke jemanden, der weiß für was die Marke steht und der auch seine ganzen Zulieferer dann bündeln kann und sagt: “Das passt rein und das passt nicht rein.” Und solche Marken haben dann natürlich auch ein ganz eigenständiges Gesicht. Und dann gibt es wiederum Marken, ja, da darf jeder irgendwie was in den Topf schmeißen uns wem die Suppe schmeckt, das weiß ich auch nicht.

Was waren da für Marken drunter, also unter deinen Kunden damals? Kennt man da welche davon?

Ist ein bayrischer Hersteller aus Rosenheim gewesen, dann ein Unternehmen aus Gütersloh im DOB Bereich ein sehr großer Name auch. Und dann aber auch französische Labels. Es war einfach ein sehr buntes, verschieden…

Ein Potpourri an Aufgaben quasi.

Und na ja, gut. Ich kam irgendwann dann durch Zufall in Kontakt mit einem Hersteller in der Türkei, der mir angeboten hatte einfach in einer Partnerschaft eine eigene Marke aufzubauen.

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Wie kam das? Auf einer Messe kennengelernt?

Ich hatte lustigerweise einfach einen Kundenauftrag oder ich hatte Modelle für einen Kunden, die ich bearbeitet habe, und war dann in der Türkei. Hatte über eine Freundin gehört, dass da jemand meine Arbeiten aus der Freiburger Zeit kennt und dass der mich gerne kennenlernen würde, und ich habe ihn dann angerufen und habe gesagt, dass wenn ich dann schon in Istanbul bin – Ich würde ganz gern zwei bis drei Tage frei machen, ob er was empfehlen könnte. Dann sagte er zu mir, ja, er wüsste da schon was, ob ich was dagegen hätte, wenn er mitkommt. Das fand ich ja schon frech. Irgendwie fand ich es aber auch gut, und deswegen habe ich gesagt, ja klar. Und dann waren wir einfach irgendwo in so einem Restaurant und die Beine baumeln lassen. Und das war irgendwie ein gutes Kennenlernen. Und aus diesem Kennenlernen hat sich dann das auch entwickelt, dass wir dann gesagt haben: Ja, wir starten einfach eine Marke. Ich kümmere mich um das Design und um den Vertrieb, er kümmert sich um die Produktion. Und das war natürlich zum Starten für einen, der, ja, der eine Linie macht, war das natürlich ideal.

Perfekt! Konnte jeder seine Stärken einbringen. Du hattest sozusagen einen verlässlichen Partner für diese Sachen, die ja oft für kleine Labels so schwierig sind: Herstellung, Logistik und so weiter.

Ich habe gleichzeitig natürlich auch was mitgebracht. Ich hatte Kunden, also ich hatte Aufträge für die von den anderen Labels, für die ich gearbeitet habe. Die konnte ich dann praktisch im Gepäck schon mitbringen. Ich finde es immer ganz gut, wenn man irgendwo hinkommt, dass man was mitbringt. Das heißt, keiner hat ein großes Interesse daran einen totalen Newcomer aufzubauen und wenn es aber dann einfach schon so ist, dass da was im Raum steht, dann kann man auch was anderes anfragen. Das ist eine sehr, sehr gute und auch fruchtbare Zusammenarbeit.

Das war dann Strick oder ging das auch dann schon weiter?

Das war von Anfang an – das war eine sehr große Strickgruppe. Reine (? #00:31:40-0#) und dann war schon auch ergänzt um Hosen, Jacken, die ersten Sakkos, Hemden und auch Lederteile. Und aus diesen, ich sage mal einfach aus diesem Start, der von der ersten Saison einfach erfolgreich war – ich habe angefangen mit einem, ich weiß nicht mit 25 Teilen und der ersten Messe in Berlin, auf der Premium habe ich da gleich angefangen am Saisonstart mit 28 Kunden in der ersten Saison! Das war einfach…

Und das war schon unter deinem Namen?

Da war unter meinem Namen. Da waren schon richtig gute Kunden dabei, kann man nicht anders sagen. Das hat sich dann immer weiterentwickelt. Irgendwann habe ich aber festgestellt – irgendwann wurde die Partnerschaft trotzdem zu einseitig, weil ich mich dann irgendwann so gesehen habe, dass ich diese Lokomotive ziehe und irgendwann der andere Part eher der Wagon war, und ich habe einfach nur festgestellt, wenn man was aufbauen möchte, dann muss man die Lokomotive sein und man muss die auch ständig sein und rund um die Uhr. Und für mich gibt es jetzt auch nach 8 Jahren in keinster Weise einen Moment, wo ich diese Lokomotive nicht sein müsste. Und von dem Partner erwarte ich natürlich genau dasselbe.

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Das heißt, du hast dann da einen Cut gemacht.

Wir haben uns nach 4 Jahren getrennt.

2004 war das dann?

2004, ja.

Dann hattest du aber erst mal keine Produktionsstätte mehr?

Das ist dann natürlich so ein Moment, der nicht unbedingt nur spaßig ist.

Ich meine, dann warst du wieder so auf Feld 1.

Ich war auf Feld 1, aber ich habe natürlich bestimmte Erfahrung trotzdem auch gemacht und wusste auch, wie ich Dinge anfrage. Und ich habe mich letzten Endes einfach in den Flieger gesetzt, bin nach Portugal geflogen, habe mir da ein Auto geliehen, bin bei verschiedenen Betrieben einfach auch vorbeigefahren und habe Kontakte geknüpft, aus denen ich dann Dinge auch gemacht habe. Und hatte das Glück, dass ich dann auch über einen anderen Kontakt jemanden für Konfektionen in der Tschechei gefunden habe, und das läuft bis heute einfach fantastisch. Und dann probiert man einfach dies und jenes aus, schaut – Was sind die Stärken von den jeweiligen Betrieben? Inwieweit arbeiten die mit bestimmen Materialien, die bei mir auch reinpassen? Und wie kann ich denen eine Zusammenarbeit mit mir ermöglichen, die für sie nicht anstrengend ist? Und ich bin anstrengend genügt, weil ich immer so spät dran bin. Aber ich bin nicht anstrengend, was jetzt Stoffe oder solche Dinge angeht. Weil jeder, mit dem man in der Form zusammenarbeitet, ist auch ein Partner, den man ernst nehmen sollte. Und ich gehe nicht an den Start, um es auch für Partner zu verkomplizieren, sondern einfach Situationen zu schaffen, in denen, ich sage mal der Partner zeigen kann, was er kann und sein Portfolio vielleicht auch noch über das was ich anfrage, erweitert. Und ich eben tatsächlich das bekomme, was mich begeistert.

Also das klassische Win-Win.

Ja. So sollte es sein.

Jetzt hast du schon gesagt, und das ist wahrscheinlich auch bei vielen Gründern ähnlich, du ziehst das seit 8 Jahren ziemlich 24/7 – das ist letztlich alles aus dir entstanden, aus deiner Vision und dann mit Partnern realisiert. Wie hält man das denn durch? Also wie hast du verhindert, dabei nicht auszubrennen. Weil das ist, glaube ich, ein schmaler Grat? Also wenn man wirklich das Gefühl hat, “oh oh, ich muss nicht nur gucken, dass eine Kollektion so entsteht, wie ich sie mir vorstelle, sondern ich bin eigentlich so ein bisschen auch meine eigene Verkaufsmaschine und ich will auch gucken, wie werden die Look-Books geshootet und wie sieht die Website aus”, das hört ja nie auf. Wie sieht deine Bremse aus oder wie sieht dein Akku aus?

Also für mich ist existenziell wichtig meine familiäre Situation. Ich bin verheiratet, habe zwei kleine Kinder.

Wie alt sind die?

Der Bub ist 6 und das Mädchen ist 3. Und das ist natürlich einfach – das ist eine Oase zum Auftanken. Und da sieht man dann tatsächlich auch, wie unwichtig andere Dinge sind. Meine Frau unterstützt mich beim Design inzwischen, bei der Frauenkollektion extremst. Was für uns auch eine – es ist eine tolle Zusammenarbeit. Zum anderen ist es natürlich auch so, dass wir aus meiner männlichen Sicht, ganz klar noch eine weibliche Draufsicht brauchen. Um da einfach auch was anbieten zu können, was von einer Frau verstanden wird.

Kommt sie aus dem Designbereich?

Sie kommt aus dem Design. Sie hat auch lange für große Jeanshersteller gearbeitet. Und das ist einfach jetzt, ich sage mal der familiäre Hintergrund, wo ich – ja, immer wieder auch erfahre, es gibt auch noch was anderes. Und das andere ist, dass ich mich einfach, also wie schon am Anfang gesagt, ich ziehe mich ja so weit es geht raus. Das heißt, ich muss ja nicht auch noch gleichzeitig irgendwelche Erwartungen von meinem Umfeld erfüllen. Meine Erwartungen gehen rein in die Kollektion. Diese Erwartung kann ich in der Kollektion umsetzen. Aber das geht jetzt nicht so weit, dass ich dann auch noch persönlich gepackt werde.

Also du bist nicht auf dem roten Teppich und nicht in den Promimagazinen, TV und solche Geschichten?

Das ist ein Bereich, aus dem könnte ich nichts rausziehen, für mich an positiver Energie. Und gleichzeitig, da er für mich nicht präsent ist, kostet es mich aber auch keine Energie. Und ansonsten ist es schon richtig, das Unternehmen ist inzwischen so groß – ich habe 20 Mitarbeiter, das ist ja nicht so, dass man einfach sagt: “Ja, macht hier eine Kollektion.” Setz sich morgens an den Tisch, spitzt den Bleistift und fängt da mal an. Sondern das ist bei mir, dafür habe ich vielleicht 5 Prozent meiner Zeit zur Verfügung, das entsteht zwischen Tür und Angel, weil vielleicht auch der eine oder andere meiner Partnerbetriebe sagt: “Junge, wenn du jetzt nicht was durchschickst, dann sehe ich aber schwarz!”

Das heißt, du brauchst so ein bisschen den Druck von außen auch?

Logisch. Und gleichzeitig sind natürlich andere Dinge, die man am Anfang vielleicht zeitlich in dieser Dimension gar nicht einschätzen kann. Ich meine, wenn man 20 Leute hat, dann führt man irgendwie jeden zweiten, dritten Tag ein Personalgespräch oder stellt auch neue Leute ein oder… ich beliefere um die 200 Kunden weltweit und ich sage mal, solang alles glatt läuft, (? #00:39:07-8#) eigentlich nichts. Und wenn ich von meinen Kunden so viele höre, dann landen diese Dinge dann immer bei mir wieder auf dem Tisch. Und dann geht es natürlich darum, auch irgendwelche Dinge in einem persönlichen Gespräch zu klären. Da geht es natürlich auch darum Partnerschaften, auch Vertriebspartnerschaften zu festigen, zu vertiefen. Ich habe also ein patentiertes Hängesystem, das ich auch in den Läden als Präsentationsmittel nutze. Und klar, Partner im Handel, mit denen ich in einem größeren Rahmen zusammenarbeite, arbeiten dann auch über diese Hängesystem und das gibt mir natürlich auch nochmal eine andere Erkennbarkeit im Handel. Das ist für mich sicherlich auch ein wichtiges Mittel, um als Marke erkennbarer zu werden. Das heißt, solche Dinge auch vorzubereiten, voranzutreiben. Mir macht es eine riesen Freude Läden zu eröffnen. Einfach einen Laden zu finden, den Mietvertrag über diesen Laden zu bekommen. Also jetzt hier in München, in diesem ehemaligen Blumenladen, das war fantastisch, wie das alles – Schritt 1, Schritt 2, Schritt 3 – wie das alles so gelaufen ist. Und dann dieser ganze Umbau, bei dem ich auch präsent bin. Und halt am Anfang kann sich das nie jemand vorstellen, wie dieser Laden nachher aussehen wird. Ich habe alles rausgetragen, ich habe alles rausgeschmissen, was nicht reingehört hat. Ich habe das entkernt, ich habe den alten Putz wieder frei gelegt und ich habe Wände rausgenommen, die da nicht reingehört haben. Und jetzt, wenn man in den Laden kommt, das ist wie, wenn das befreit ist. Und ich habe irgendwie eine alte historische Marquise unten im Keller gefunden, die habe ich wieder aktiviert, und jetzt ist die nach draußen so, dass der Laden auch weiter – der endet erst auf dem Bürgersteig. DAs ist einfach toll, wie dann so ein Raum auch entsteht. Und da bin ich natürlich sehr präsent dann auch im Umbau.

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Und du packst richtig selber mit an.

Ich krieche morgens um 4 mit staubigen Haaren aus der Baustelle raus, und das brauche ich dann natürlich auch als Gegenpol zu dem, ich sage mal einfach zu einer Modemesse oder jetzt auch die Läden in Berlin. Das eine ist ein ehemaliger Bestatterladen, ist also schon auch ein skurriles Umfeld.

Wirst du davon was mit aufnehmen, werden da Urnen stehen oder so?

Sagen wir mal so, ich habe es dort erst mal gereinigt. Ja, das kann man auch machen. (…) Und das andere, der Frauenladen, das ist das ehemalige Foyer von einem Kino. Und man kommt in so einen Raum rein, man sieht einfach: Die Decke muss raus, weil die ist abgehängt, die hat da nicht reingehört. Der Boden – “Wer hat diese Kacheln verbrochen?” Also die sollten wieder raus oder zumindest überdeckt werden. Und die Wand hat jemand nachträglich eingebaut und was ist denn unter der Farbe oder unter der Tapete drunter?

Auch so ein bisschen Archäologie fast.

Ja. Und dann eben auch so viel Platz wie möglich zu schaffen. Das ist extrem spannend.

Das hört sich nach einer ganz handfesten Expansion gerade an, oder? Also eigene Läden, auch schon von einer gewissen Zahl, kommt das alles aus der Firma oder hast du da in deiner Allround-Garderobe einen Banktermin absolvieren müssen? Wie ist das geschäftlich?

Ich habe inzwischen schon auch Zahlen, die ich – aufgrund derer, ich vernünftig mit einer Bank zusammenarbeiten kann. Das ist ganz wichtig. Weil man natürlich auch von der Finanzierung her eine gewisse Sicherheit braucht.

Grade auch im Moment, sind Banken ja wirklich sehr vorsichtig, was irgendwelche Investitionen angeht.

Ja. Und ich habe auch keine Hirngespinste, die ich einer Bank verkaufe, sondern ich habe inzwischen handfeste Zahlen und ich habe einfach auch ein stetiges Wachstum vorzuweisen und eine ganz klare Strategie auch. Und auch eine ganz klare Akzeptanz am Markt. Und ich sehe halt einfach nur, dass anfänglich die – also von mir die Idee, in gewisser Weise eher limitiert war. Ich dachte ich kann damit nur einen ganzen schmalen Grat gehen. Oder, es ist nur eine ganz schmale Tür, durch die nicht viele Leute reinkommen können. Und inzwischen sehe ich einfach nur, dass – ja, wo diese gesamten Entwicklungen mir eigentlich eher zuspielen.

Also “think big”.

Ich denke immer über nächste Schritte nach. Und schaue, dass ich dann eben nicht nur nachdenke, sondern die eben auch verwirkliche und Dinge dann auch erst kommuniziere, wenn ich sie spruchreif habe. Um mich da auch nicht so in Zugzwang zu bringen. Ich finde es immer schwierig, wenn man Dinge kommuniziert und jeder weiß es schon, und dann fragt einer: “Wie ist es denn so?”

Also wie Journalisten, die seit fünf Jahren sagen: “Ich schreibe gerade ein Buch.” Und man weiß genau, es wird nie kommen.

Und ich meine, was bündelt das an Energie auch wieder, irgendwie sich zu erklären, “Warum noch nicht?” oder “Wann, dann doch?” oder “Ich müsste doch…”. Nein, schade.

Zur Strategie und auch zu Berlin und den Messen, will ich gleich noch kommen. Aber erst interessiert mich, was für ein Chef bist du? Wie würdest du deinen Führungsstil beschreiben?

Nachlässig gekleidet.

Gut, das ist jetzt die Optik.

(lachen)

Gut, also wenn man bei dir arbeitet, muss man nicht in Schlips und Kragen und im Kostüm kommen. Aber wenn es jetzt um das handfeste Daily Business geht?

Klar, man fängt an und ist erst mal froh, wenn Leute mit einem arbeiten wollen. Und hat natürlich auch in dem Unternehmen Bereiche, die immer weiter wachsen. Am Anfang ist es so: Da ist man froh, wenn man irgendwie selber 1, 2, 3 Euro aus dem Ganzen rausziehen kann irgendwann mal. Und klar, ist irgendwie auch darauf angewiesen, dass Leute mit einem das ganze Dinge ziehen und einfach sagen…

Komplett sich investieren, in gewisser Weise.

Ja. Mir macht das Spaß und ich habe ja auch sehr viel leichte Erfahrungen, die ich machen kann, als in einem riesen Unternehmen, wo ich irgendwo nur für Position A oder Position B15 zuständig bin. Und bei mir lernt man natürlich auch alles kennen. Und das geht die ersten Jahre so, dass man einfach sagt: “Ja, das ist letzten Endes so, dass man mit Leuten zusammenarbeitet, jeder bringt sich ein und dann schaut man mal, wohin die Reise geht.” Irgendwann mal wird das aber auch erwachsen. Und die Aufgabenstellungen werden klarer, die Strukturen werden einfach auch notwendigerweise entwickelt. Und dann führt es natürlich auch dazu, dass auch die Aufgabenstellungen klar definiert sind und dann eben auch klar zugewiesen werden und dann auch abgefragt werden. Das heißt, das ist für mich natürlich auch ein riesen Entwicklungsprozess, von dem “Ja, schauen wir mal, wie wir das hinkriegen” zu dem “So geht es”, und das ist der nächste Schritt. DAs ist das nächste was ich brauche, um den nächsten Schritt zu machen.

Ist dir das leicht gefallen, solche Strukturen aufzusetzen? Ist das Kreative und das Pragmatische bei dir so gut ausgependelt? Weil das fällt ja nicht allen leicht, die kreativ tätig sind.

Ich würde es so sagen. Irgendwann bedingen sich diese zwei.

Das heißt, du würdest dir selbst ein Bein stellen, wenn du das nicht beachtest?

Das würde nicht gehen. Man muss schon alles weiterentwickeln, weil sonst dreht man sich im Kreis oder man dreht sich auch zurück.

Aber wie bist zu Mitarbeitern? Bist du jemand, der guckt sich erst mal einen Missstand länger an und dann knallt es? Oder bist du jemand, der immer sukzessive schon Feedback gibt? Bist du ein kumpelig-familiärer Chef oder schon ein versteckter Anhänger von ganz klaren Hierarchien? Wie würdest du das beschreiben?

Da muss ich mich in irgendwas auch noch selber entdecken. Ich würde sagen, ich habe natürlich – ich freue mich tierisch, wenn Dinge von alleine laufen.

Das heißt, du machst kein Mikro-Management.

Nein, das nicht. Also ich lasse jedem genügend Freiheit seinen Bereich selbst zu organisieren und dann bedingt es natürlich, dass ich Rapportwesen einführen und dann eben informiert werde darüber, was passiert da und wie stehen wir da? Und da ist der Versuch, jeden auch in diese Richtung zu fördern und auch dahinzubringen, dass er dieses System versteht. Und manch einer kann damit sehr gut umgehen und andere können das eben überhaupt nicht. Und dann trennt man sich halt auch einfach wieder. Für mich wieder schwierig, jetzt irgendwo mich jetzt komplett umzudrehen und mir eine Führungsweise anzueignen, die ich selber nicht leben möchte.

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Unter du nicht arbeiten möchtest. Aber bist du schon streng?

Ich weiß was ich will und ich weiß ganz klar auch, was ich nicht möchte. Und jemand der mit arbeitet, der lernt sehr schnell das auch zu respektieren und da gibt es auch nichts zu diskutieren. Also das ist immens wichtig.

Das heißt, klare Strukturen verhindern, dass du cholerisch durchs Atelier laufen musst.

Ich schmeiße manchmal mal irgendwelche Musterteile durch den Raum, wenn es tatsächlich mal richtig in die Hecke gegangen ist. Aber das ist nicht in an der Tagesordnung. Das ist auch nichts, worauf ich dann irgendwie im Nachhinein stolz bin.

Jetzt hast du eben schon gesagt, du hast – ich weiß nicht, ist das ein 3-Jahresplan, ein 5-Jahresplan – wie weit geht der in die Zukunft? Kannst du gleich mal sagen. Du hast eine ganz klare Strategie für dein Label. Wie, in ein paar Sätzen, wie würdest du die umreißen? Vor allen Dingen interessiert mich auch, wie da On- und Offline schon mit gedacht sind? Also wie du einerseits die Läden, die natürlich toll und sehr direkt gestaltbar sind, und auf der anderen Seite auch ja sicherlich E-Commerce irgendwann eine wichtige Funktion für dich haben wird.

Tja. Bei mir ist es so, dass ich mir rein jetzt vertriebstechnisch, immer wieder auch verschiedene Länder, dass ich die Länder mit dazu nehme. Im Moment sind wir, ich würde sagen einfach sehr erfolgreich in Amerika gestartet. Wir haben jetzt in der zweiten Saison 25 Kunden, die wir da bedienen.

Sind das bestimmte Bereiche? Bist du eher West- oder Ostküsten-Favorit? Ist ja sehr unterschiedlich, deswegen frage ich.

Ich sage es mal so, mit 25 Kunden sind wir natürlich nirgendwo sichtbar. Aber es sind jetzt, ich glaube 5 oder 6 Kunden in New York, es ist ein toller Laden in Seattle, es sind Läden in San Francisco, es gibt die erste Hängefläche in Santa Fe. Also es ist schon ein riesen Land.

Ja, aber es ist trotzdem schon eine gute Präsenz.

Es ist sehr punktuell. Und wichtig ist da, natürlich auch den richtigen Vertriebspartner zu finden. Dort ist es auch wieder jemand, der einfach gesagt hat: “What you see is what you get. It’s not the big show room – it’s me and my car.” Was heißt das? Ein Mann, der arbeiten möchte. Der nicht irgendwo eine große Etage gemietet hat und da sich die Bude voll hängt und sagt, “es wird schon funktionieren”, das gibt es ja durchaus auch bei Vertriebsagenturen. Sondern jemand der einfach sagt: “Wenn ich damit ins Auto steige, wenn ich auf den Messen präsent bin, dann wird das schon funktionieren.” Und… das funktioniert.

Das ist gut. Das klingt nach Ehrlichkeit, Handschlag und so.

Und das ist auch so, dass ich das in Deutschland mit meinen zwei Vertrieblern genauso handhabe. Und solche Leute brauche ich letzten Endes auch. Jedes Land funktioniert zwar anders, aber irgendwo ist das eine sehr persönliche Geschichte und diese persönliche Geschichte, muss ich natürlich notgedrungener Weise, um in die Vervielfältigung zu gehen, doch auch bisweilen mal abgeben. Und dann ist die Auswahl dessen, wen ich da eben dafür finde, extrem wichtig. Und dann geht es einfach auch darum, klar man kann sich dann eine Landkarte anschauen…

Überall so Nadeln reinstecken.

Das habe ich am Anfang auch gemacht. Dann habe ich irgendwie über die verschiedenen Saisons verschiedene Farben verwendet und irgendwann war es mir zu blöd. Und inzwischen weiß ich einfach, mit wem ich arbeiten möchte und dann geht es einfach darum zu schauen: Wie intensiviert man das? Da wo schon was besteht. Oder wie kommt man dort eben in eine Präsenz, wo es noch nicht so weit ist.

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Auf welches Land guckst du gerade besonders?

Ich schaue jetzt tatsächlich im Moment gerade extrem auf Deutschland. Klar, im Ausland ist es natürlich Amerika, weil wir da jetzt…

Da habt ihr schon den Fuß in der Tür.

Und ich denke einfach, in Deutschland gibt es, über jetzt einfach auch kürzlich stattgefunden Wechsel, auch enormes Potential. Ich sage jetzt einfachmal im Norden Deutschlands. Derjenige, der da für mich unterwegs ist, sagt einfach: “Junge, du bist da durchaus bekannt und wir wollen uns das anschauen!” Und na ja, das habe ich am Anfang natürlich sehr selten gehört, so was. Dass man einfach wusste, “Hannes Roether, was ist ‘n das? Aha.” Dass sich die einzelnen Länder inzwischen vielleicht auch schon ein Bild gemacht haben und sagen: “Ja, das ist etwas was in die richtige Richtung geht und von dem haben wir einfach nichts, das ist aber ein Bereich der uns fehlt und wir schauen uns das an.” Und dass ich dann eben auch durchaus mir vorstellen kann in Städten, die ein gewisses Potential haben, und davon gibt es doch einige, über kurz oder lang, wenn ich nicht vor Ort den richtigen Partner finde, dann eben auch einen eigenen Laden mache. Und klar, man macht jetzt nicht einen eigenen Laden auf und dann funktioniert das gleich alles, sondern das sind natürlich…

Das ist auch eine Investition, logischerweise.

Man muss den richtigen Standort finden, man muss den richtigen Menschen im Laden finden. Also ich kann ja nur eine – jetzt wieder dieses komische Wort – “Bühne”, ich bereite dort den Raum und bestücke den mit meiner Klamotte, und dann muss ich mich aber zurückziehen. Also ich kann einen Raum schaffen, in dem sich Menschen wohlfühlen und die dort was entdecken können, was ihnen gefallen wird.

Du kannst höchstens dann alle halbe Jahre mal ein Gastspiel geben sozusagen auf dieser Bühne.

Ja, aber für die Energie bin ich letzten Endes dann nur sekundär zuständig. Das ist der Mensch vor Ort. Und da habe ich einfach erstaunlich tolle Menschen gefunden.

Das heißt, du castest quasi auch ein bisschen? Es ist nicht nur dieses “Bewerbungsgespräch Verkäufer”, sondern du suchst nach ein bisschen mehr, als nur jemanden, der weiß wo Größe 52 von den Sakkos hängt?

Um Gottes Willen, ja! Natürlich. Also, jeder Beruf hat einfach wunderschöne Seiten. Und jemand, der einfach Verkaufen liebt, der hat diese schönen Seiten erkannt und der geht darin auch auf und der zieht daraus auch, über das Feedback, das er von seinen Kunden bekommt, unheimlich viel raus für sich selber. Und solche Menschen suche ich natürlich, weil jemand der sagt: “Wir haben’s auch in blau… oder die Hose sieht ganz toll aus…”, das ist doch Quatsch. Ich würde sagen, 80 Prozent der Kaufentscheidung ist von dem gegenüber im Laden abhängig. Und wenn dieses Einkaufen als etwas Schönes empfunden wird, ja dann macht es mir doch auch Spaß wiederzukommen. Und wenn diese Beratung ehrlich erfolgt und wenn es derjenige schafft, dass ich mich selbst auch nochmal anders entdecke, das ist doch etwas, was Einkaufen auch leisten kann für denjenigen der da unterwegs ist.

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Aber worauf achtest du denn dann bei Vorstellungsgespräch? Sieht man das da schon so, was derjenige kann oder dass er dem entspricht, was du dir vorstellst? Ich finde das eine schwierige Aufgabe, ehrlich gesagt.

Ich denke es sind vielleicht auch ähnliche Typen wie ich, die sich vielleicht auch selber nicht so sehr in den Vordergrund stellen müssen, sondern dem gegenüber einfach auch genügend Luft zum Atmen geben, aber sich auch auf den einstellen können und einfach wissen, wenn da jemand reinkommt, “ja, mag der eine kurze Jacke oder eine lange? Und welche habe ich denn, die zu ihm passt?” Und wenn ich ihm das gebe, was ihm steht und was zu ihm passt, das ist doch… also ich muss mich einfach mit Menschen auch auskennen. Und im Gespräch sollte er einfach auch weitergehen können, als jetzt über grün und blau, sondern das kann von mir aus Kochen in Kärnten sein.

Also auch so eine passende Small-Talk-Befähigung quasi.

Ich würde einfach sagen, eine gewisse Lebenserfahrung.

Gut. Und da hast du so ein Menschengespür, dass du das rausliest aus deinem gegenüber.

Das haut nicht immer von Anfang hin.

Weil das steht ja nicht in den Unterlagen, all das was du jetzt beschreibst.

Nein, das ist dann auch ein Trial and Error. Und das was funktioniert, das bewahrheitet sich dann auch, das geht dann auch hoffentlich in eine lange Verlängerung. Und das Team, das ich da habe – meine Güte, das ist schön. Da kriege ich tolles Feedback.

Jetzt sind wir beim Stationären, dem persönlichen Verkaufserleben, und das ist dir ja auch sehr wichtig. Wie kannst du das denn ins Internet übertragen, wo du dann eben nicht so einen angenehmen, sachkundigen Gegenüber natürlich präsentieren kannst. Also wie sehen deine E-Commerce Pläne aus oder wie weit bist du da schon?

In den Kinderschuhen. Es ist einfach ein Bereich, den man, wenn man ihn anfängt, richtig machen sollte.

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Wie sehe das in deinem Fall dann aus?

Das ist durchaus eine Sache, die ich einfach noch entwickle und wo einfach klar ist: Es gibt bestimmte Produkte, für die ich ganz klar stehe, für dich einfach auch für meine Kunden stehe. Das heißt, dass es einfach eine Langlebigkeit ist, eine Zeitlosigkeit. Und das sind vielleicht auch Dinge, mit denen ich am ehesten auch zu gegebener Zeit anfange.

Also mit den Highlights oder einem Best of, wenn man das jetzt mal so flapsig sagen kann.

Ja. Und es ist ja weniger so dieser schnelllebige Wechsel für den ich stehe. Das heißt, wenn einfach, sagen wir mal die zehn besten Teile, die jeder Mann brauchen kann, jede Frau brauchen kann. Wenn ich mit denen anfange, da einfach meine ersten Gehversuche zu machen.

Und das würdest du auch selber machen?

Das würde ich dann selber machen. Es gibt natürlich den einen oder anderen Kunden, der jetzt einen kleinen Abriss von meiner Kollektion auch schon über seine entsprechende Seite anbietet. Es ist auch mit einem erstaunlichen Feedback gekoppelt, was ich da immer wieder höre. Was mich dann auf der einer Seite erstaunt und auf der anderen Seite auch freut. Und das beobachte ich natürlich auch genau.

Das heißt, da sind andere auch so ein bisschen Versuchskaninchen für dich letztlich. Du kannst mal ein bisschen schauen, wie läuft das bei denen mit deinen Teilen. Jetzt hast du vorhin gesagt – Premium bist du präsent schon etliche Jahre.

Seit Anfang an.

Genau. Und ich muss die Frage einfach stellen, weil du dann eben ja auch mit zu dem Klientel gehörst, das in Berlin präsent ist. Wie geht es unserer Modehauptstadt und dem, was dann jetzt ja im Juli wieder dort an verschiedenen Schauen, Events, Messen abläuft. Wie ist das für dich letztlich, du bist ja ein Kunde dann bei der Premium und ein Verkäufer. Deine Gedanken dazu?

Ich finde es erstaunlich, was die dahin gebaut haben in Berlin. Ich finde es extrem erstaunlich. Klar, mein Saisonstart gleichzeitig findet drei Tage vorher oder vier Tage vorher schon in Paris statt. Da bin ich mit meiner Männerkollektion auf der Tranoï, das ist für mich nochmal internationaler. Da kriege ich natürlich auch meine russischen, japanischen, was auch immer Kunden. Wobei sich der eine oder andere, jetzt verstärkt auch in den letzten Saisons dann in Berlin sehen lässt. Das ist eine schöne Entwicklung. Toll, super, irre, dass das in Deutschland einfach auch möglich ist und die Macher von der Premium, die haben extrem gut gearbeitet. Und, das eben auch weiterzuführen als die andere große Messe da mal kurzzeitig im Ausland unterwegs war, also das haben die schon extrem gut entwickelt und auch mit dem weiteren guten Durchdenken ihres Portfolios was sie haben, das ist schön. Und dann ist es natürlich auch so, dass sich immer mehr neue Standorte ergeben mit spezielleren Konzepten. Das ist auch eine gute Entwicklung, das befruchtet sich sicherlich auch.

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Das heißt, du meinst auch die kleineren, spezielleren Messen, (? #01:03:18-6#) und wie sie alle heißen.

Da hat alles seine Berechtigung. Und Berlin ist dafür natürlich prädestiniert. Natürlich hat sich in den letzten 5 – 6 Jahren extrem viel verändert, es ist nicht alles nur positiv, was sich da so verändert hat.

Zum Beispiel? Was sind Sachen, die dir Sorgen bereiten oder die du mit Stirn runzeln beobachtest?

Wenn ich mir das hier in München anschaue – also um in München zu existieren, muss schon alles funktionieren. Das heißt, hier irgendwie zu sagen: “Ich probiere mal einfach nur was aus”, dieses Ausprobieren, das muss schon in die richtige Richtung gehen, weil ansonsten kann ich mir das hier gar nicht erlauben. Also um hier in München zum Laufen zu kommen, muss die Idee von Anfang an eigentlich richtig sein. Und in Berlin hast du ein Umfeld – ich sage einfach mal so, da kannst du dir natürlich irgendwo im Hinterhof was mieten und da kannst du experimentieren. Wenn du Taxi fährst ist das billiger, den Schüler-Döner gibt es wahrscheinlich irgendwo auch noch für 2 Euro – weiß der Geier – du brauchst dort sehr viel weniger um zu existieren. Und das ist natürlich auch toll, weil dadurch extrem viel Energie dort auch sich entwickelt oder viele Dinge dort auch entstehen.

Ich höre aber ein “Aber”.

Das wird sich ändern. Es wird alles teuer, es ist nicht mehr ganz so einfach. Und das sehe ich einfach so als eine Entwicklung, die nicht so richtig erfreulich ist. Gleichzeitig jetzt vielleicht nochmal zu dem “Aber”. Also du kannst in Berlin auch sehr lange existieren mit dem größten Mist.

Das wäre auch mein Gedanke. Wie gesagt, ich beobachte nun die Fashion Week und diese ganze Modewoche in Berlin auch schon seit 2007, zumindest als IMG und Mercedes dazu kamen. Und das ist auch immer so ein bisschen meine Ambivalenz, dass ich einerseits es toll finde, dass man eben, wie es heute ja auch bei Startups so modern zu sein scheint: das Lean Startup, alles schmal, alles schlank, alles aus dem Keller heraus. Das ist natürlich toll, weil dadurch überhaupt mehr entstehen kann, wo man früher einen Bankkredit bräuchte, den man oft einfach für kleine Anfangsideen, für kleine Keimlinge überhaupt nicht bekommt – nicht mal im Traum. Aber ich glaube halt auch, dass das in dem einen oder anderen Fall zu einer gewissen Blauäugigkeit führt oder jemanden, dessen Geschäftsidee oder dessen kreative Vision nicht auf so einem gesunden Fundament steht, dem wird auch oft vorgegaukelt, er könnte es schaffen, weil es ja im Prinzip unter dem Strich, wenn ich meine Excel-Tabelle ausgefüllt habe, wie du sagst: Miete ist günstig, vielleicht wohne ich auch in einer WG in Kreuzberg irgendwo, dann habe ich, was weiß ich, 200 Euro Miete, dann brauche ich noch ein bisschen Stoff und irgendwie hat man dann das Gefühl “Wow, es geht! Ich habe an Freunde diesen Monat drei T-Shirts verkauft mit Kartoffeldruck.” Das ist auch gefährlich.

Das zum einen. Und gleichzeitig auch, ich meine, wir haben auf den Modeschauen dann so und so viele Abgänger von irgendwelchen Modeschulen, die jetzt erst mal, ich weiß nicht, vielleicht Omas Häuschen auf der ersten Modeschau verbraten. Und dann…

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Was kommt dann? Kommt dann noch eine zweite Show?

Vielleicht kommt kurzzeitig mal ein roter Teppich und vielleicht haben wir dann ein oder zwei wichtige Einkäufer gesehen und hier da wurde was geschrieben, aber mehr kommt da nicht mehr. Und das ist, ja, das ist so ein bisschen kurz gedacht.

Das birgt die Gefahr von One Hit Wonders. Also die einmal einen Teil im Gesellschaftsteil von Illustrierten hatten an einem C-Promi und jetzt denken, das ist der Durchbruch. Wir sind gleich durch, aber das interessiert mich schon noch. Deine Mode ist ja nicht so eine Celebrity Staffage. Das heißt, wie siehst du diese Diskrepanz? Weil es gab ja auch schon Label, die hat man ständig in diesen Society Seiten gesehen und hat daraus gleich den Schluss gezogen, “muss ja gut laufen”, und ein halbes Jahr später waren sie pleite. Wo man dann erst mal aus allen Wolken fällt und denkt: “Ja, wieso? Hat doch neulich erst Bettina Zimmermann getragen.” Das finde ich schon sehr spannend. Jetzt hat man es in Cannes wieder gesehen, alle reißen sich darum irgendwelche Schauspielerinnen, von denen man noch nie gehört hat, ausstatten zu dürfen. Wie stark ist das nötig? Du hast es offensichtlich nicht gebraucht, jetzt für dein Geschäftsmodell, aber wie beobachtest du diese Symbiose oder diese Scheinsymbiose Prominenz und Designer?

Also ich kriege natürlich das Feedback aus den eigenen Läden, wer einkauft. und wenn ich mir das anschaue, dann kann ich nur sagen: “Spitze.”

Das heißt du könntest auch mit Namen nach draußen gehen, aber das ist nicht dein Deal.

Natürlich. Und es geht mir auch nicht darum jemanden für eine Premiere auszustatten. Wenn sich die, die ich dort ausstatten könnte, nicht zu fein sind zu mir in die Läden kommen und es dort einfach einzukaufen, weil es ihnen gefällt und weil es ihnen steht.

Das heißt du willst echte Loyalität und nicht gesponserte Outfits.

Ich muss es nicht verschenken. Oder ich muss es niemanden hinterhertragen. Also das ist einfach seit Anfang an so und das ist super. Das andere ist: Ich habe keinen Fernseher, ich weiß gar nicht, welche Prominenten gibt es? Ich weiß es nicht. Ich würde die auch nicht erkennen. Ich lasse mir ab und zu erklären, wer denn jetzt da… und wo ich mir das dann eventuell vielleicht auch, wenn ich mir zu der Zeit einen Fernseher ausleihe, wo ich mir das anschauen könnte. Das finde ich gut. Der Campino trägt ein paar Ringelpullover von mir. Das finde ich super. Und es gibt auch ein paar andere, und da sehe ich einfach eine riesen Bandbreite. Das ist irre. Das sind natürlich eigene Charaktere. Und wenn ich dann einfach sehe, es kann der, der, der, und die finden da überall alle was, was zu ihnen passt – Super!

Dann ist alles gut. Du hast, muss ich nochmal nachhaken, keinen Fernseher. Das heißt, deine ganze Familie guckt kein Fernsehen?

Die gucken kein Fernsehen.

Auch die kleinen nicht?

Die dürfen ab und zu mal ein Video sehen, klar. Kinder jetzt komplett ohne Fernseher, das ist ja schon dieser Waldorfgedanke.

Dann gucken die nachher nur noch, wenn sie aus dem Haus sind, oder? Dann haben diesen Nachholeffekt, oder?

Das denkt man immer, gell.

Hätte ich immer Angst vor, dass das dann so kommt.

Also ganz ohne geht natürlich nicht, weil man dann auch irgendwo in der Schule, denke ich, bestimmte Dinge schon auch kennen sollte. Für mich ist es einfach so: Ich habe keine Zeit dafür. Und wenn ich irgendwo in einem Hotel bin, natürlich schaue mir dann auch an, was da kommt. Aber ich habe in den seltensten Fällen danach irgendwo das Gefühl, dass ich da irgendwie was draus gewonnen habe.

Das heißt, ihr guckt dann DVDs oder so. Also es gibt Bildschirme bei euch, es werden Filme geschaut, aber nicht das Programm TV.

Ja.

Okay. Abschlussfrage, jetzt haben wir es eben schon so ein bisschen berührt, und ich muss immer dran denken – ich bin eigentlich ein ähnlicher Fall, wir haben auch kein Fernsehen, wir haben zwar einen Fernseher auf dem dann unser eigenes Programm sozusagen läuft, aber wir nehmen auch schon seit 4 Jahren am Programm, am öffentlichen TV nicht mehr teil, ich habe aber jetzt dummerweise das Pech, morgens im Gym wirklich diese Wand an Fernsehern zu sehen, und ich überlege immer noch, ob ich mein Laufband vielleicht hinter eine Säule stellen kann, weil das mich wirklich ganz ehrlich durch diese Abstinenz – es verstört mich morgens. Und da sehe ich dann zufällig eine Sendung, wo dein Design-Kollege Guido Maria Kretschmer jetzt plötzlich immer präsent ist. Die Shopping Queen oder so heißt das, glaube ich. Hintergrund ist der: Meinst du es kommt mal ein Punkt, um so ein bisschen zum Anfang zurückzukommen, wo du dein Gesicht in Kameras halten musst, ob jetzt Fotografen oder Fernseherkameras? Meinst du es kommt ein Punkt, wo deine Persönlichkeit, also du selbst doch auch wichtig wird? … Du hoffst wahrscheinlich, dass es nicht so kommt, aber ich meine, man muss ja ein bisschen in die Zukunft denken. Gesichtslose Marken funktionieren natürlich, also man denke jetzt nur, wenn man im Mainstream guckt an COS oder so, wo es niemanden gibt außer ein großes Team in Schweden. Aber gerade auch für die Presse ist es ja nicht ganz unwichtig Gesichter zu haben, Köpfe, Persönlichkeiten, wie jetzt wir Interviewpartner. Wie lange gibst du dir noch für dein selbst gewähltes Exil sozusagen?

Noch jagt mich niemand… Na ja, ich bin auf Messen präsent. Das heißt, mich gibt es ja, und mich kriegt man auch ans Telefon. Das heißt, das ist ja alles gegeben. Ich drücke mich eher davor irgendwelche öffentlichen Dinge wahrzunehmen, weil ich vielleicht auch gar nicht die Zeit dazu habe oder den Sinn vielleicht noch nicht sehe. Mag sein, dass sich das irgendwann mal ändert. Momentan finde ich das einfach nicht notwendig, dass ich eben in Erscheinung trete.

Das heißt, noch zieht es dich nicht in die Jury von Germany’s next Topmodel oder so.

Was soll ich da? Was soll ich da?

Super! Das nehmen wir als Schlusswort eines sehr spannenden Gespräches. Hannes Roether, ganz vielen Dank!

Danke.