Cut, Smoking und Frack: Gentleman-Experte Bernhard Roetzel verrät, wie Mann sie trägt

Von December 8, 2011 0

Bernhard Roetzel Der Gentleman Frack

Cut & Co. – Förmliche Klassik für Tag und Abend

Der Cut wird auch als der Frack des Tages bezeichnet. Damit will man sagen, dass es sich um den förmlichsten Tagesanzug handelt. Die Briten bezeichnen ihn als „morning coat“, was den zeitlichen Einsatzbereich sehr gut trifft. Cut-Anlässe sind Hochzeiten, Staatsbegräbnisse, Staatsempfänge, die Gartenparty der Queen, Ordensverleihungen.

Der Cut hat seinen Namen daher, dass er aus dem Gehrock entstanden ist. Dessen eckiger Abstich (so nennt der Scheider die Form der vorderen Kante) wurde zurückgeschnitten, um dem Träger mehr Bewegungsfreiheit zu geben („cut“ ist englisch für „geschnitten“, spricht sich „Katt“, nicht „Kött“).

Es gibt den Cut in verschiedenen Farb- und Stoffvarianten, am weitesteten verbreitet ist jedoch die Grundversion: Schwarzer Rock (so der Fachausdruck für die Frackjacke), hellgraue Weste, gestreifte Hose, schwarze Schuhe im Oxfordschnitt, weißes Hemd mit Umlegekragen und Doppelmanschetten, Langbinder und als Krönung der schwarze Zylinder.

Zu den gängigsten Abweichungen von der Grundversion zählen der komplett hellgraue Cut (also Rock, Weste und Hose), der bei Hochzeiten ausschließlich vom Bräutigam und seinem Trauzeugen getragen wird sowie beim Pferderennen in Ascot. Beide Varianten sind fast ausschließlich im englischsprachigen Raum beheimatet.

Außerdem werden Cuts auch in Anthrazit geschneidert, diese Variante gilt als besonders vielseitig. Rock, Hose und Weste haben also die gleiche Farbe, auch diese Option ist eher selten. Die Hose zum Cut gibt es alternativ zum Streifenmuster auch mit Pepitakaro oder Glencheck.

Die Weste

Bei der Weste sind zahlreiche Abweichungen von der Grundversion möglich. Bei Beerdigungen ist Schwarz die übliche Farbe, bei allen anderen Cut-Anlässen, die ja alle fröhlicher Natur sind, sind helle Töne erwünscht. Die Briten wählen häufig eine Weste in „buff“, einer Art Creme- oder Beigeton, als Stoff ist dabei im Sommer auch Leinen üblich. Ansonsten sind auch Phantasiewesten beliebt.

Häufig wird der Stresemann als Pendant zum Cut geführt, dies ist jedoch nicht ganz korrekt. Der Stresemann ist eine bürgerliche Erfindung aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, die ursprünglich als Bürokleidung diente. Beim Stresemann wird der Schoßrock durch ein schwarzes Sakko ersetzt, der Rest wird vom Cut übernommen. Da Cut-Anlässe in der Regel bei traditionsbewussten Gastgebern stattfinden, wäre der Stresemann in aller Regel nicht angebracht.

Der Smoking

Für den Abend gibt es zwei Outfits, den Smoking und den Frack. Unter dem Smoking verstehen wir einen schwarzen Abendanzug mit seidenbesetzten Aufschlägen und einfachem Galon an den Hosen (also streifenförmigem Seidenbesatz an der äußeren Hosennaht), dazu weißes Smokinghemd, schwarze Schleife, Einstecktuch (weißes Leinen oder farbige Seide), schwarze Seidenkniestrümpfe (oder aus feiner Wolle) und Abendschuhe (als Schnürer oder Pumps mit Ripsschleife).

Obwohl der Smoking vielen Männer heute als steif erscheint, hat er sich zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und den Jahren vor dem ersten Weltkrieg als bequemerer Gegenentwurf zum Frack entwickelt. Von ihm hat er die Farbe übernommen und in der Ursprungsversion die Weste (allerdings in Schwarz), insgesamt ist der Smoking aber eng mit dem Straßenanzug verwandt.

Mehrere Modellvarianten sind möglich, einreihig mit oder ohne Weste, zweireihig, mit Schalkragen oder Spitzrevers. Wer sich seinen Smoking anfertigen lässt, kann ein ziemlich individuelles Modell kreieren, die Konfektion bietet meistens jedoch nur die Wahl zwischen zwei Reversformen sowie Ein- oder Doppelreiher an.

Farblich gibt es zu Schwarz nur eine Alternative, das so genannte Mitternachtsblau. Angeblich vom Prince of Wales (dem späteren Duke of Windsor) erfunden, da das normale Schwarz angeblich bei künstlicher Beleuchtung grünlich schimmert. Diese Beobachtung habe ich zwar noch nicht gemacht, dennoch ist der tief dunkle Blauton in der Tat eine schöne Möglichkeit. Die Revers und die Galons an den Hosen bleiben jedoch schwarz. Ein schönes Detail wäre ein Samtkragen oder seidenbesetzte Ärmelaufschläge, sie sind bei Smokings von der Stange jedoch kaum anzutreffen.

Die schwarze Schleife ist Pflicht, Farben dagegen tabu. Wer mit dieser Tradition brechen will, sollte es mit viel Stilgefühl tun (vielleicht ist das Ergebnis dann gut). Der Langbinder, der in den letzten Jahren viel zum Smoking getragen wird, ist meines Erachtens deplatziert. Wer keine Schleife anlegen will, kann abends statt Smoking einfach einen schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte anziehen.

Der Frack

Outfit Nr. 2 für den Abend aber die Nr. 1 in Sachen Förmlichkeit ist der Frack. Er ist in der Herrengarderobe das Kleidungsstück mit dem längsten Stammbaum. Ziemlich unverändert gibt es ihn seit dem 18. Jahrhundert. Die langen Hosen sind dabei das modernste Element, zunächst wurde er mit Kniehosen getragen. Ursprünglich war der Frack zum Reiten gedacht, deshalb auch der eckige Abstich für mehr Beinfreit.

Zum Frack gehören die weiße Schleife aus Baumwollpikee (deshalb der Begriff „cravate blanche“), Frackhemd mit Stehkragen, Manschetten und Brustbesatz aus dem gleichen Material, Frackhosen mit doppeltem Galon und Frackschuhe (Pumps mit Ripsschleife).

Der Stehkragen ist beim Frack Pflicht, genau genommen handelt sich um einen Kläppchenkragen. Umgangssprachlich nennt sich der auch Vatermörder. Am förmlichsten wirkt er wenn er wirklich steif ist und viel vom Hals bedeckt. Weichheit passt besser zum Buttondownhemd, Frackträger müssen dagegen ein gewisses Maß an Unbequemlichkeit ertragen können. Wobei ein harter, hoher Kragen eine aufrechte und stolze Kopfhaltung befördert.

Zum Frack darf nicht einfach ein Smoking aus dem Schrank geholt werden, denn es hat andere Manschetten. Das Frackhemd hat einfache Manschetten, die aneinander gelegt und durch Manschettenknöpfe geschlossen werden, das Smokinghemd dagegen Doppelmanschetten wie beim Anzughemd.

Beim Schnitt des Fracks diskutieren die Schneider seit den Tagen von Fred Astaire darüber, ob die Weste und dem Frack hervorschauen darf oder nicht. Dazu muss bedacht werden, dass der Hosenbund in den Dreißigern auf der Taille saß, die Weste konnte deshalb entsprechend hoch sitzen. Natürlich ist es auch heute noch stilvoll, die Hosen in dieser Weise zuschneiden zu lassen, viele Männer ziehen aber tiefer sitzende Hosen vor. Die Weste rutscht dann herab und schaut fast zwangsläufig unter Kante hervor. Dies zerschneidet aber die Figur und verschiebt die optische Mitte des Körpers in ungünstiger Weise nach unten.

Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel wurde am 17. August 1966 in Hannover geboren. Nach Schule, Wehrdienst und Design-Studium arbeitete er als Werbetexter, PR-Berater und Drehbuchautor in Hamburg, Frankfurt und Köln. Seit 1998 ist er freier Journalist und Autor. Roetzel schreibt über klassische Mode, Benimmfragen und handgemachte Kleidung.

Roetzel hat seit 1999 zahlreiche Bücher veröffentlicht, am bekanntesten ist der Bildband „Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er wurde bisher in 19 Sprachen übersetzt. Im April 2012 erscheint bei H. F. Ullmann ein neues Buch über Herrenmode und Styling. Roetzel ist verheiratet, er lebt mit seiner Familie in Berlin.

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