Chinas mächtigste Fashion People: Ein Who is Who für Eilige

von Natasha Binar, 7 November, 2012


Trotz aufstrebender Staaten wie Brasilien, vorübergehender Konjunkturdellen und einer so rigorosen wie zuweilen undurchsichtigen Wirtschaftspolitik bleibt China zweifellos Klassenbester im Business-Fach „Wachstum & Zukunftsmärkte”. Diese Tatsache bekräftigte nicht zuletzt die Mercedes-Benz Fashion Week China, die gerade zu Ende ging. Ein vollgepackter Event-Marathon, in dessen Rahmen sich lokale und internationale Talente mit ihren Labels präsentierten. Zudem ist die MBFWC ein Pflichttermin für alle, die sich mit ihrer Strategie, ihren Marken und Investitionen Richtung Fernost orientieren.

Die längst zahlreichen Designer-Boutiquen in Peking und Shanghai – aber auch in Boom-Städten von morgen wie Guangzhou, Hangzhou, Shenzhen und Tianjin! – können gar nicht schnell (und) genug bestellen, um den Appetit ihrer Kunden auf exquisite, angesagte Outfits und Accessoires zu stillen. Laut der Boston Consulting Group erhöhte sich im letzten Jahr der Umsatz von Luxusmode in China um 33 Prozent auf rund 40 Milliarden US-Dollar. Experten schätzen zudem, dass China die USA, den bis jetzt weltweit größten Markt für Luxusgüter, bereits 2020 überholen wird.

Doch wer sind die big player des chinesischen Luxuswunders? Wie funktioniert die Modeszene Chinas und wer sitzt in Peking in der front row? Kurz: who is who in Chinese fashion? Wir stellen sie Ihnen in diesem Kurzüberblick vor: die wichtigsten Mode-Führungskräfte, PR–Gurus, Retail-Experten, mächtige Magazin-Redakteure, Medienmogule, Starfotografen und Top-Blogger.
Hung Huang

Die Mäzenin

Hung Huang ist ein echtes Multitalent und unübersehbare Mode-Förderin. Huang ist Unternehmerin und TV-Persönlichkeit sowie Herausgeberin des Lifestyle-Magazins „iLook”. In Zusammenarbeit mit ESMOD Beijing fördert Huang auch local talents durch ein iLook/BNC Stipendium. Außerdem führt sie Brand New China, eine den heimischen Kreativen verpflichtete Boutique in Peking. Unter ihren Schützlingen: Chi Zhang, Vega Wang, Zhang Binqiao, Qeelin und größere Marken wie NE-TIGER. Hung Huang verbrachte mehrere Jahre in New York und kehrte 1998 in ihre Heimat zurück. Eine Entscheidung, welche die „chinesische Oprah Winfrey” keinen Tag bereut hat.
Angelica Cheung

Die Vogue-Chefin

Huangs Mitstreiterin Angelica Cheung ist als Chefredakteurin der chinesischen „Vogue” die „Voice of Fashion“ und zugleich Kollegin sowie (Anzeigen-)Konkurrentin von Anna Wintour. Die Absolventin der Universität Peking arbeitete zunächst für „Elle” und „Marie Claire”, ehe sie 2005 den mächtigsten Magazinjob in Mode-China übernahm. Cheungs Markenzeichen: die Bob-Frisur, ein Chanel-Outfit und ihre Prada-Tasche. Man ahnt es, wie die Wintour legt auch Madame Cheung viel Wert auf einen markenbewußten Auftritt. „Mode ist eine internationale Sprache, und es ist unsere Aufgabe, sie den chinesischen Frauen beizubringen”, betont sie in zahlreichen Interviews. „Die Chinesen geben viel Geld für Mode aus, aber stilistisch sind sie noch sehr unsicher. China ist von Karl Marx direkt zu Karl Lagerfeld gesprungen. Die Menschen hatten also kaum Zeit, zu lernen, wie man sich anzieht.”

Und die Erziehung der (Luxus-)Konsumenten nimmt Angelica Cheung seitdem äußerst ernst. Mit Erfolg: Die Auflage des Condé-Nast-Titels ist in weniger als zehn Jahren auf 700.000 verkaufte Exemplare pro Monat gestiegen. Eine bequeme Position, jetzt, wo alle großen Marken um die „Goldkragen” buhlen. So nennt man umgangssprachlich und mit einer Prise Ironie die Neu-Reichen Chinas, die auch bei Geschmack und Understatement noch eine steile Lernkurve vor sich haben. Noch sind auch nur wenige „Vogue”-Models Asiatinnen und während in Europa oder Amerika die neuesten Kollektionen inszeniert und fotografiert werden, finden sich in der „Vogue China” lange Strecken mit Archivbildern und Zeichnungen. Alles wird bis ins kleinste Detail erklärt, historische Vergleiche werden gezogen – und die kaufkräftigen chinesischen Kunden Seite für Seite weiter in die Welt des Luxus eingeführt.
Silas Chou

Der Financier

Aber nicht nur die Frauen bestimmen über die neue Luxuslust in China. Silas Chous, ein Großinvestor aus Hong Kong, kaufte 1989 zusammen mit seinem amerikanischen Partner Lawrence Stroll die Marke Tommy Hilfiger (verkauft 2001) und stieg weiterhin bei Karl Lagerfeld und Pepe Jeans ein. Seine Iconix China Group ist auch an dem börsennotierten Michael Kors beteiligt (geschätzter Wert: über 9 Milliarden Dollar). Doch Silas Chous Einfluss reicht weit über den Erwerb von Modemarken hinaus. So unterstützt er beispielsweise das CFDA / Vogue Fashion Fund China Exchange Programme (mehr dazu hier).
Victor Fung

Der Magnat

Dr. Victor Fung und sein Bruder William leiten gemeinsam Chinas ersten Luxusgigant, die Fung Group (gegründet 1906). Mit einem Jahresumsatz von etwa 7 Milliarden Dollar und etwa 18.000 Mitarbeitern zählt Fung zu den größten Handelshäusern der Welt. Fung agiert etwa als Beschaffungspartner von Reebok und Nike, des Spielwarenunternehmens Toys R Us, sowie vieler internationaler Textil- und Warenhauskonzerne (Esprit, Abercrombie & Fitch, Debenhams, Marks & Spencer, Walmart und Metro).

Fung Brands Ltd. ist die neueste Investition des Dr. Fung. Unter diesem Firmendach strebt er die Beteiligung an gleich mehreren Marken an, darunter am belgischen Lederwarenhaus Delvaux sowie den Labels der französischen Designer Robert Clergerie und Sonia Rykiel. Seine Vision: ein internationales Luxus-Konglomerat – mit Sitz in China.
Adrienne Ma

Die E-Commerce-Queen

Als Tochter der Gründerin des legendären Mode-Kaufhauses Joyce Ma (heute Teil der Lane Crawford Limited) lernete Adrienne Ma an der Seite ihrer Mutter Joyce alles, was man über fashion retail wissen muss. Ma machte sich daraufhin als Beraterin selbstständig und stieg in den E-Commerce ein. Ihr erstes eigenes Projekt hieß Shouke.com und wurde von Net-A-Porter, also Richemont, gekauft. Heute ist Adrienne Ma Geschäftsführerin von Net-a-Porter für Asien-Pazifik.

In 2005 wurde Adrienne Ma vom Magazin „Time Style & Design” zur kreativsten Unternehmerin des Jahres gewählt und von Veuve Clicquot als „Business Woman of the Year in Hong Kong” nominiert. Adrienne wird übrigens in dem lesenswerten Buch “Ladies Who Launch in Hong Kong” (empfohlen von Business-Gurus wie Stephen Covey und Guy Kawasaki) von Autorin von Maseena Ziegler ausführlich portraitiert und interviewt. Ihre nächsten Schritte? Die Community der digitalen E-Commerce-Platzhirsche ist sich einig darüber, dass Ma recht bald und aufsehenerregend handeln wird!
Melvin Chua

Der PR-Profi


Gibt es in China ein großes Mode-Event, dann stecken meist Melvin Chua und seine Firma Ink Pak Communication Group dahinter. Das Rolodex des gelernten Werbekaufmanns liest sich wie ein Verzeichnis der chinesischen Fashion-Elite: Giambattista Valli, Kate Moss und Alber Elbaz sind nur ein kleiner Auszug seines Kundenstamms. Melvin Chua ist ebenfalls Künstleragent der gefeierten Schauspielerin Maggie Cheung und des Supermodels Du Juan. Die meisten Testimonial-Partnerschaften zwischen einer Luxusmarke und einem Prominenten werden von Ink Pak eingefädelt.
Andrew Wu

Der Statthalter

Der mächtigste Mann der Luxusindustrie, LVMH-Boss Bernard Arnault, hat in dem aus Shanghai stammenden Andrew Wu seine perfekte rechte Hand für China gefunden. Wu machte in den USA und Kanada Karriere (u.a. bei Maple Leaf Foods), bevor er als Geschäftsführer von Christian Dior nach China zurückkehrte.

Seit 2005 ist Andrew Wu verantwortlich schwarze Zahlen der über 60 zum Konzern gehörenden Marken von LVMH China und berichtet in dieser Funktion direkt an Arnault.
Chen Man

Die Star-Fotografin

Chen Man war erst 23, als sie ihre ersten Bilderserien für das Magazin „Vision” aus Shanghai produzierte und den Durchbruch schaffte. Seither kann sich die Absolventin der Central Academy of Fine Arts kaum Aufträgen retten: „Vogue”, „Elle”, „Harper’s Bazaar”, „Marie Claire”, „Cosmopolitan”, „Esquire” und „iD Magazine” veröffentlichen regelmäßig ihre sehr kunstvoll zugespitzten, extrem farbenfrohen Strecken. Gemeinsam mit MAC Cosmetics lancierte Chen Man im Anfang 2012 eine eigene Make-up-Kollektion – eine logische Ergänzung zu ihren bunten Aufnahmen (s. Aufmacher u. unten).
Han Huohuo

Der Blogger

Ein Schnappschuss von Streetstyle-Pionier Scott Schuman alias The Sartorialist machte Han Huohuo (auch Han Huo Huo), ein ehemaliger Moderedakteur der chinesischen „Marie Claire”, über Nacht web-berühmt. Das war in Mailand und ist Jahre her. Mittlererweile ist Han Huohuo selbst ein Star: seinen Blog Hans Hang lesen monatlich über drei Millionen Modefans, Huohuo schreibt als Kolumnist für diverse Magazine und moderiert TV-Shows. Und, heutzutage fast schon ein Muss, natürlich entwickelte er eine eigene Modekollektion, in Zusammenarbeit mit dem Avantgarde–Store I.T.. Derzeit schreibt Han Huohuo an seinem ersten Buch.
Chen Man

Fazit

Die Modeszene in China ist an Dynamik kaum zu überbieten, wenngleich Vorbilder in Paris, Mailand, London und New York noch ein gutes Stück entfernt bleiben. Dennoch fehlt es weder an spannenden Talenten noch an Geld. Die fashion people aus China sind bestens ausgebildet, verfügen über ein exzellentes Netzwerk und mehr als genügend Biss, die Welt zu erobern. Watch out!

Fotos: Asian Society, Condé Nast China, Forbes.com, queridacereja.com, Chen Man